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„Götter, Gräber und Gelehrte“ als Hörbuch : Der feurigste Anwalt Pompejis

  • -Aktualisiert am

Cerams Klassiker erschien 1949 Bild: Audiobuch

Mitreißend nicht nur für Antiken-Freunde: Wer C.W. Cerams Klassiker „Götter, Gräber und Gelehrte“ als Hörbuch einspielt, hat leichtes Spiel. Doch der Erzähler Frank Arnold hat sich die Sache nicht leichtgemacht.

          Von Archäologen verfasste Berichte sind meist unendlich langweilig. Seitenweise werden, immer bedacht darauf, sich nicht durch Hinweise auf Begeisterung dem Verdacht der Unobjektivität auszusetzen, gebohrte oder geritzte Locken auf Marmorköpfen gezählt, Ziegel- und Bruchsteinlagen Tausende Jahre alter Mauern numeriert, Kanneluren von Säulen und Risse von Stuckfragmenten katalogisiert.

          Über die Häuser Pompejis zum Beispiel startete vor dreißig Jahren eine Buchreihe, deren stattliche Einzelbände vom Fundament bis zum winzigsten Dübelloch ausnahms- und regungslos alles dokumentieren, was je in diesen Häusern gefunden und über sie herausgefunden wurde. Bei der Größe Pompejis ist absehbar, dass die Reihe frühestens Ende unseres Jahrhunderts abgeschlossen sein dürfte.

          Mit der Königin im Stollen

          Wenn Kurt W. Marek alias C. W. Ceram über Pompeji erzählt, könnte der Unterschied kaum größer sein. Ceram, der viele Jahre Cheflektor des Rowohlt Verlags gewesen war und dazu ein erfolgreicher Sachbuchautor, begann sein Buch, das er „Roman der Archäologie“ nannte, mit einem Donnerschlag: „Welches Wunder begibt sich?“, lautet der erste Satz, dem ein Stakkato von Fragen folgt, endend in einem triumphalen: „Oh seht, das alte Pompeji findet sich wieder. Aufs neu baut sich Herkules' Stadt!“

          Ceram zitiert Schillers Ode auf die Wiederentdeckung Pompejis und Herculaneums. Und er begeistert seine Leser, die er gemeinsam mit Maria Amalia Christine, der jungen, vom Archäologiefieber erfassten neuen Königin Neapels, im Jahr 1738 durch die unterirdischen Stollen tapsen lässt, die man in jene zwanzig Meter hohe, steinhart erstarrte Verschüttungsmasse getrieben hatte, die Herculaneum seit dem Vesuvausbruch des Jahres 79 nach Christus bedeckt.

          Ceram erzählt vom Glockenton, den eine Spitzhacke auslöste, als sie auf den noch verborgenen hohlen Bronzeleib eines überlebensgroßen Pferds traf. Er lässt den Leser vor Ärger mit den Zähnen knirschen über die beispiellose Dummheit der Arbeiter, die die Buchstaben einer Bronzeinschrift von der Wand lösten und in einen Korb warfen, bis ihnen zu spät einfiel, dass sie damit den Text für immer unleserlich gemacht hatten.

          Kein Roman, ein Epos

          Mit demselben fassungslosen Kopfschütteln beschreibt der Autor aber auch die Gier und Ignoranz des Königs, der drei herculanische Bronzepferde für eine Prachtkanone einschmelzen und geborgene kostbare Marmorvertäfelungen in sein Sommerschloss einbauen ließ.

          Umgekehrt spart er nicht an Bewunderung, wenn er am Ende des Pompeji-Kapitels berichtet, wie Amedeo Maiuri, Grabungsleiter Pompejis zwischen den dreißiger und sechziger Jahren, die Stadt vergeblich mittels Schwenken einer weißen Fahne vor dem Bombardement durch amerikanische Kampfflugzeuge zu bewahren versuchte.

          Statt „Roman der Archäologie“ hätte er sein Werk auch Epos nennen können. Denn dessen chronologische Schilderungen umfassen alle Helden, alle Gebiete und alle Länder der Archäologie.

          Packende Sprachgewalt

          Er beschreibt Ägypten von Napoleons auf Pharaonisches versessenem Feldzug bis zu Howard Carters elektrisierender Entdeckung des nahezu unberührten Grabs von Tutanchamun, schildert die Freilegung Troias in Kleinasien und das Ausgraben des Palastes von Knossos ebenso plastisch wie die Expeditionen, die zur Entdeckung der Mayastädte in den Dschungeln Südamerikas führten.

          All das ist unterfüttert von stupender Sachkenntnis und getragen von einer zuweilen ins Kraut schießenden, meist aber packenden Sprachgewalt. Spannungsbögen und ruhige Passagen, je nach Bedarf knappe und mäandernde Kapitel: wer diese Geschichte der Archäologie als Hörbuch einspielt, hat leichtes Spiel.

          Doch der Erzähler Frank Arnold hat sich die Sache nicht leichtgemacht. Wie der Autor beim Schreiben lässt er sich beim Sprechen vom Lauf der Ereignisse tragen, bleibt sachlich, wo summierende Beschreibungen vorliegen, wird pathetisch, wenn es um Jahrhundertfunde geht, und melancholisch, wenn Misserfolge der Archäologie eingestanden werden müssen.

          Comeback eines Dauerbestsellers

          Seine Erfahrung als Schauspieler an Berlins Schaubühne und Münchens Kammerspielen zahlt sich dabei ebenso aus wie jene als Rundfunksprecher.

          Vom Erscheinungsjahr 1949 an bis in die achtziger Jahre war Cerams Buch ein Dauerbestseller. Die Hörbuchversion könnte es ins allgemeine Bewusstsein zurückrufen.

          Der Allgemeinheit und der Archäologie könnte nichts Besseres passieren. Denn das Buch ist der beste, der feurigste und überzeugendste Anwalt dieser Wissenschaft, die (trotz der diese Rezension einleitenden Seitenhiebe) zu Recht nüchtern bleibt, wenn sie sich schriftlich "ex cathedra" äußert.

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