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Walter Kappacher: „Der Fliegenpalast“ : Epiphanien und Magie, das ist vorbei

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Hugo von Hofmannsthals letzten Tagen hat der Schriftsteller Walter Kappacher einen Roman ohne die von Hofmannsthal selbst so verhassten Anmaßungen der Biographen gewidmet. Dennoch ist ein großartiger Roman über das Ende eines dichterischen Magiers entstanden.

          Dies ist ein Buch über Hofmannsthal, wie es feiner, behutsamer, dezenter und doch todtrauriger nicht sein könnte. Wir erleben ein paar Urlaubstage in Bad Fusch im Sommer 1924. H., so Walter Kappachers Kürzel, kehrt an einen Ort jugendlicher Genialität und glorreicher Antizipation zurück, freilich ohne den leise erhofften Erfolg. Die Produktionsauffrischung oder das „Another Go“, der „neue Anlauf“, den er sucht, bleibt aus.

          Ein stiller Sog erfasst den Leser, ohne dass der weiß, wie ihm geschieht. Denn Kappacher bietet nichts Sensationelles auf, keine Entlarvungen, keine Denunziation, keine radikal neue Sicht. Nirgends erhebt er sich über seinen Autor. Er verzichtet auf jede Anbiederung durch Lob oder durch Kritik. Man hört eigentlich, abgesehen von ein paar Automobilen, die H. faszinierten, keinen lauten Ton. So bringt Kappacher das Kunststück fertig, seinen fiktiven Vertrauten praktisch zu siezen – er kennt ihn durch und durch, und doch stellt er sich nicht gleich, denn natürlich weiß er, wie vernichtend H. über die Anmaßungen der Biographen dachte.

          Der Hang zu Selbstzweifeln

          H. ist aus der Schweiz, wo er zusammen mit Carl (Jacob Burckhardt) Ferien machte, nach Bad Fusch gekommen und sehnt sich doch gleich wieder zurück nach Lenzerheide oder schon wieder weg hinüber zum Ferienquartier seiner Familie in Aussee. Alles, was er sucht, ist ein Platz, der das Arbeiten begünstigt, ja überhaupt erst ermöglicht. Die Schreibkrise beruht nicht zuletzt auf der Wahl der falschen Arbeitsplätze – aber gibt es überhaupt den richtigen? Sein Briefwerk sei mehr, als die meisten Autoren geleistet hätten, sagt ihm seine Frau, aber auch Briefe werden nicht mehr beendet und abgeschickt. Bleiben Zeitungen und die nachgeschickte Post als Verbindungen nach außen und der Fliegenpalast, die verglaste, fliegenübersäte Hotelterrasse, auf der man den Kaffee nimmt.

          Unglückszeichen drängen sich vor, so, bei der Zeitungsnachricht von der Strafermäßigung für den Herrn Hitler in Landsberg, das vorbeihuschende Gespenst des Kunstmalers, das H. zusammen mit Peter Altenberg im Wiener Café Central gesehen hat. Kränkungen werden wieder wach und mit ihnen der Hang zur Selbstbezweiflung. Die Festschrift zum fünfzigsten Geburtstag, der nur ein paar Monate zurückliegt, führte zum Bruch mit Rudolf Borchardt, dem einzigen Autor und Kritiker, den er ganz ernst nimmt.

          Das geheime Richtmaß des Verfalls

          Den unscheinbaren Schlüsselsatz von Kappachers Buch spricht H. in einem Gespräch mit einem jungen Arzt aus, der nach langen Jahren in den Vereinigten Staaten nach Österreich zurückgekehrt ist. „Wir sind ja alle Zurückgekehrte, nicht wahr?“, sagt H. Damit versetzen sich die beiden in den Zusammenhang von Hofmannsthals „Briefen des Zurückgekehrten“, die schon früh, 1907, die europäische Krise der Moderne beschrieben haben, gleichrangig durchaus mit dem berühmteren Brief des Lord Chandos.

          Nun muss H. „mit Grausen“ begreifen, dass die Schuld am Kriegsausbruch bei den Österreichern und Deutschen gelegen hat. Endgültig vorbei ist es deshalb auch mit der gloriosen Lieblingsmaxime, in deren Zeichen sich Hofmannsthal so gern verstanden hatte: „The whole man must move at once.“ Das ist der Leitsatz auch des „Zurückgekehrten“, dessen „Briefe“ in Kappachers Buch am häufigsten von allen Werken Hofmannsthals genannt werden. Obwohl Kappacher den Satz selbst ausspart, wirkt er doch wie das geheime Richtmaß, das den Verfall anzeigt, auch den körperlichen. „Der Fliegenpalast“ ist darauf angelegt, die erzwungene Abdankung, ja die Auslöschung dieser Maxime zu zeigen.

          Der Griff ins Leere

          Früher gab es Therapien, und Hofmannsthal hat sie als grandiose Weltzuwendungen inszeniert. Es waren Erlebnisse, punktuell und plötzlich, in denen die Daseinskraft von Leben und Welt sich verdichten und aus den unscheinbarsten Dingen leuchtend hervortreten konnte – Epiphanien, wie Joyce sie nannte. Anders der fünfzigjährige H. – am Anfang und am Ende der Tage in Bad Fusch stehen Erschöpfungen und der Zusammenbruch auf einem Waldspaziergang, ein leichter Schlaganfall, der schon den letzten ankündigt. Doch zuständig ist jetzt der Arzt und nicht mehr ein von Metaphysik und Mystik geborgter Glanz. Kollaps und Arterienverkalkung statt Magie und Epiphanie.

          Der Ton bleibt höflich, gemessen, beherrscht, bei H. wie bei Kappacher. Aber Höflichkeit kommt der neuen Zeit nicht mehr bei. Unspektakulär melden sich Dissoziationen, in denen das Nichts vordringt, geht die Verknüpfung mit dem Leben verloren, auch in kleinen Details, löst sich das Leben von einer großen, geschlagenen Kultur. H. greift allenthalben ins Leere. Nirgends wird man Kappachers nüchterne Sympathie und seine dichte Prosa bei Sentimentalitäten ertappen. Und doch stimmt die unaufhaltsam absteigende Linie, auf welcher er H. in ruhiger Sachlichkeit begleitet, unendlich traurig.

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