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Tracey Emin: „Strangeland“ : Kunst darf das Leben nicht in Stücke hacken

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In ihrer Autobiographie „Strangeland“ geht die Britin Tracey Emin bis ans Äußerste: Sie erzählt von ihrer Kindheit, dem Kampf der alleinerziehenden Mutter gegen die Armut, von Magersucht und sexuellen Misshandlungen. Bei aller Drastik ist ihr eine mutige Selbstfindung gelungen.

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          Es gibt eine kurze Passage in Tracey Emins wahnwitzigem Buch, ziemlich weit hinten schon, die überschrieben ist: „Kunst ist für mich wie ein Geliebter – dessen Liebe allein nie gut genug ist.“ Sie schreibt da, dass sie 1992, im Alter von achtundzwanzig Jahren, mit ihrer Kunst am Ende war, „Teil einer emotionalen Selbstauflösung“. Sie wollte alles hinter sich lassen, „was ich liebte, ohne dass ich dabei zurückgeliebt wurde“. Sie hatte kapiert – nach sieben Jahren Studium am Royal College of Art in London und einem Abschluss in Malerei –, dass ihr Versuch, „Werke von möglichst großer Schönheit zu schaffen“, existentiell missglückt war: „Mein Leben war mir zu wichtig, als dass ich es mit dem Versuch, Kunst zu machen, in einzelne kleine Stücke zerhacken wollte.“ Das geschah, Jahre bevor Tracey Emin zur dunklen Königin der Herzen eines Kunstpublikums avancieren sollte, das sie wahrlich nicht mehr mit Tortenstückchen bediente, sondern das sie mit so ziemlich dem härtesten Stoff versorgte, der zur Neige des ermatteten zwanzigsten Jahrhunderts serviert wurde. Eines war von nun an sicher: Für sie würde es fortan wieder ums ganze Leben gehen.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          „Motherland“, „Fatherland“ und „Traceyland“ heißen die drei Stationen einer schriftlichen Selbstrechenschaft, die zuerst 2005 im Original erschien und nun auf Deutsch in überarbeiteter und ergänzter Version vorliegt. Weil dieses „Strangeland“ betitelte Bekenntnis so extreme Passagen enthält, in der rabiat erzählenden Form wie im manchmal kaum glaublichen Inhalt, gerät es zum Exerzitium auch für den Leser, in dem Brutalität und Zärtlichkeit, Lakonie und Poesie manchmal unentwirrbar ineinander verschwimmen.

          Ein Trip ins Traumland

          Es ist die Geschichte einer Kindheit, gemeinsam mit dem Zwillingsbruder Paul, in der Trostlosigkeit des britischen Seebads Margate. Aus einem angenehmen Wohlstand fällt die Mutter mit den Zwillingen in Verarmung, als der Vater, mit dem sie nicht verheiratet ist, pleitegeht und sich absetzt. Der Preis im Überlebenskampf der Mutter ist die Verwilderung der Kinder. Das kleine Mädchen verliert früh beide Schneidezähne, bekommt immerhin künstliche; sie wird magersüchtig und ist allzu früh mit rüder Sexualität konfrontiert, die sie hingenommen, sogar herausgefordert hat. Das Schrecklichste, eine Vergewaltigung, ist mit einer Beiläufigkeit eingefügt, die weh tut; die Sprache ist manchmal vulgär. Das muss die Distanz schaffen zwischen einer wundgeschürften Seele, die sich, Anerkennung suchend, ausgestellt hat, und der viel zu dünnen Haut, die sich darüber spannt. Traumsequenzen dehnen sich bis hin zur Blasphemie, billige Exzesse, Selbstzerstörung als Unausweichlichkeit. Und dann ist da dieser feine Ton, eine plötzliche Kraft des Erzählens – Sprache als eine Ahnung der Rettung.

          „Motherland“ fasst die frühe dunkle Seite. Doch Emin ist keinen Moment ohne Liebe und Achtung für die ums Überleben für sich und ihre Kinder kämpfende Mutter. „Fatherland“ dann ist ein wunderschöner, wunschsatter Trip in ein Traumland, das der Fünfzehnjährigen, als sie dem Würgegriff ihrer Kindheit und Adoleszenz erstmals entflohen ist, eine Wahrsagerin prophezeit: „Meine Damen und Herren, diese junge Dame hat etwas Besonderes an sich. Es ist eine besondere Art von Intelligenz, die sich von Ihrer oder meiner unterscheidet und die ihr von Geburt an mitgegeben wurde. Es ist eine Intelligenz, die Tausende von Jahren alt ist.“ In diesem gelobten, diesem geweissagten „fremden Land“ waltet der Vater, ein dunkelhäutiger Türke aus Zypern, mit zu vielen Frauen, die er liebt, und mit sehr vielen Kindern. Ihn findet das Mädchen Tracey auf der Insel wieder.

          Am Rand der nackten Existenz

          Der dritte Teil „Traceyland“ ist der schwächste, doch selbst in einem moralisierenden Appell stiftet er Respekt für die Confessio und das Credo einer Frau, die zu Recht zu den wichtigen Künstlern unserer Zeit zählt. Es bleibt ein Buch voll Qual und Lust – und dabei aber auch voll Witz und einem Humor, der sich über das Leiden hinwegsetzt, wo es unerträglich zu werden droht, mehr als einmal am Rande der nackten Existenz. Das Kunstwerk, mit dem Tracey Emin berühmt und berüchtigt wurde, hieß „Everyone I Have Ever Slept With 1963 – 1995“ und war ein kleines, beinah rührendes Zelt, dessen Stoffwänden sie im Jahr 1995 die Namen aller Personen applizierte, mit denen sie bis dahin jemals ihr Bett geteilt hatte. Es verbrannte, als im Mai 2004 ein Kunstlager in London in Flammen aufging.

          Auch mit „Strangeland“ hat sie ihr Feld sorgfältig vermessen – das seltsame Land, das von Mutter und Vater bestellt wird, um dann unter dem eigenen Namen und unbestimmbaren Fährnissen zu firmieren. So, wie viele ihrer Arbeiten an Quilts erinnern, so ist dieses Buch gestrickt: Eine geschundene Kreatur in einer englischen Kleinstadt wickelt sich in eine unsichtbare Hülle, mit deren Hilfe das zu dünne Mädchen ohne Schneidezähne und abgeschlossene Schulbildung überlebt. Nur einmal gesetzt den Fall, diese Autobiographie wäre erfunden, wäre also Selbst-Erschreibung: Dann ist sie noch immer radikale, zarte, mutige Literatur.

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