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Rolf Lappert: Nach Hause schwimmen : Es ist nicht schön, allein zu sein

  • -Aktualisiert am
          4 Min.

          Als Wilbur geboren wird, stirbt die Mutter und der Vater verschwindet. Schlechte Startbedingungen, kann man wohl sagen. Seit je aber ist Mangel, nicht Überfluss Stoff für große Romane. Und so ist es wohl gerade diese Urszene, die Wilbur zum Helden in Rolf Lapperts viertem Roman „Nach Hause schwimmen“ prädestiniert. Wer so elend in die Welt geworfen wird, dem prophezeien Psychologen Bindungsstörungen. Doch dem heute in Irland lebenden Autor, 1958 in Zürich geboren, liegt nichts an solchen Diagnosen. Selbst ein Weltreisender, breitet er die Geschichte mit epischer Geste über Amerika, Irland und Schweden aus. Fast wie ein Geschichtenerzähler am Lagerfeuer erfüllt Lappert diese Räume mit Leben, mit der Ruhe eines Erzählers, der weiß, dass er nicht viel Aufhebens machen muss, um seine Zuhörer zu fesseln. Es steckt in diesem Reden eine Zuversicht, als könnte irgendwann tatsächlich alles gesagt sein. Es birgt aber auch die Gefahr, zu viel zu erzählen.

          Rolf Lappert weiß um diese Verführung. Bremsen lassen will er sich aber nicht. Nah rückt sein Roman, wenn er, statt immer weiter auszuholen, auf einprägsame Details, auf persönliche Habseligkeiten vertraut. Man spürt sie beim Lesen förmlich in der Hand liegen. Etwa die Uhr, die Wilbur, als er schon etwas älter ist, von seiner Großmutter Orla geschenkt bekommt. Orla zieht den Säugling zum Jungen heran wie ein Muttertier. Dann stirbt auch sie. Nach ihrem Begräbnis wird Wilbur die Uhr nicht mehr tragen, weil ihm „das Festhalten von Zeit gleichgültig geworden war“. Es ist der erste, persönliche Gegenstand, den Wilbur so entschieden beiseite legt. Mit jedem neuen Schmerz wird das Weglegen für ihn leichter, mit jeder neuen Ziehmutter verliert sein Köfferchen mit Habseligkeiten an Gewicht. „Nach Hause schwimmen“ ist ein Roman über das Loslassen und über das Weiterleben, auch wenn man längst nicht mehr weiß, für wen.

          Intelligenz über seine Emotionen stülpen

          Zu Beginn treffen wir Wilbur lebensmüde an. Gern will er der Welt abhandenkommen, doch man holt den ertrinkenden Nichtschwimmer ins Leben zurück. Wie der Zwanzigjährige neben anderen gescheiterten Selbstmördern in einer Klinik Boden gewinnt, erzählt Lappert aus der Ich-Perspektive, während er parallel dazu in eingeschobenen Kapiteln Wilburs an einem Oliver-Twist-Schicksal gerade noch vorbeischrammende Halbwaisenkindheit aufrollt. Dieser Rückblick bildet lange Zeit den spannenderen Teil des Romans. Je mehr man über Wilburs Vergangenheit erfährt, desto wichtiger wird einem auch sein gegenwärtiges Schicksal. Wilburs unglücklich verlaufende Frühgeburt ist nur der Beginn einer Reihe von schwarzen Tagen. Dieser Anfang gewinnt seinen Reiz aus der Genie-Dramaturgie. Schon wie der verlorene Säugling, nach dem Tod der Mutter von wechselnden Schwestern herzerwärmend gepflegt, nach dem Finger greift, wie er sich beruhigt, wenn man für ihn singt, demonstriert hohe Sensibilität. Tatsächlich stellt sich später heraus, dass der Junge unter Hochbegabung leidet. Mitschüler meiden den Sonderling, der noch lange „seine Intelligenz über seine Emotionen stülpen konnte wie ein Helm“. Seine Großmutter Orla, die ihn aus Amerika in die irische Provinz holt, vereinnahmt ihn für sich, weckt in ihm aber auch die Achtsamkeit für Musik, fürs Kino, für Phantasie. Nur für Conor, einen zweiten Außenseiter aus der Klasse, Wilburs ersten, gleichaltrigen Freund, rückt sie etwas beiseite, bis dieser Conor indirekt Orlas Tod auslöst. Mit einer Pistole, die Orlas vergreisender Mann vor ewigen Zeiten einem gestrandeten Matrosen mitsamt Geld entwendet hatte, schießt Conor im Streit seinen gehassten Vater ins Koma und schreckt dabei ein Pferd auf, das Orla vors Auto rast.

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