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Lars Gustafsson: „Frau Sorgedahls schöne weiße Arme“ : Dies ist die einzige Welt, die wir haben

  • -Aktualisiert am
          4 Min.

          O Gott, welcher Idiot ist bloß als Erster auf die Idee gekommen, es sei das Höchste im Leben, sich für ein Kollektiv zu opfern? In seiner langen Geschichte hat Europa eine einzige intellektuelle Tugend besessen, und die besteht darin, dass seine Philosophen, Schriftsteller, Maler und Komponisten uns immer wieder daran erinnert haben, dass wir Individuen sind. Also: uns an unsere wirklichen Dimensionen, an unsere Kindheit erinnert haben.“ So war es 1977 in „Sigismund“ zu lesen, dem vierten Band jenes fünfbändigen Romanzyklus „Risse in der Mauer“, der Lars Gustafsson in Deutschland bekannt machte.

          An dieses Leitmotiv des Individuums, des eigenen Lebens, dem man unter keinen Umständen entrinnen kann, knüpft der jüngste Roman an. Er widmet sich, vereinfacht gesagt, der Kindheit und der Jugend eines aus Schweden stammenden siebzigjährigen Philosophieprofessors in Oxford. In diesem Fall ist es nicht unzulässig und auch nicht autobiographisch verkürzend, wenn man in diesem namenlosen Ich-Erzähler mit aller Vorsicht Herrn Gustafsson persönlich vermutet, den ersten jener fünf Protagonisten aus dem großen Romanzyklus, die alle den Vornamen Lars trugen und unübersehbare Ähnlichkeit mit ihrem Autor hatten. Man könnte „Frau Sorgedahls schöne weiße Arme“ sogar als sechsten, nachgelieferten Band des Zyklus lesen. Bekannte Motive und Bilder kehren hier mannigfach wieder: die nassen Wollsachen, der Dom von Västeras, die heißen Sommer der fünfziger Jahre und vieles mehr. Nicht nur der reale Autor Gustafsson ist nach seinen amerikanischen Jahren nach Schweden zurückgekehrt, sondern auch sein Ich-Erzähler, obwohl nach wie vor in Oxford, denn: „Nein, ich brauche nicht mehr sehr oft nach Schweden zurückzufahren. Alles, was ich von diesem Land brauche, habe ich im Gedächtnis . . . Ich kann Schubladen aus einem Sekretär herausziehen, der vor vierzig Jahren auf eine städtische Auktion geschickt worden ist, und sehen, was darin liegt.“ Und: „Ich bin wieder eidetisch.“

          Die liebenswürdigste Art, nicht zuzuhören

          Nun geht es hier aber nicht einfach um Kindheits- oder Jugenderinnerungen, auch wenn Gustafsson mit seinem bekannten plaudernden, seine Themen und Obsessionen immer von neuem einkreisenden Ton leicht dazu verleitet, den Roman so zu lesen. Und schließlich ruft sich der Oxforder Professor mehrfach selbst zur Ordnung: „Wenn das so weitergeht, werde ich in meiner eigenen Vergangenheit ertrinken – die Erinnerungen werden genauso konkret, genauso detailliert geschildert werden wie das Gegenwärtige.“

          Aber ebendamit ist schon eines der Themen angeschlagen, die sich als rote Fäden durch Gustafssons wie immer leicht labyrinthisches, jedoch keineswegs chaotisches Erzählen ziehen. Die Struktur der Zeit nämlich spielt in diesem Roman eine große Rolle, und was es damit auf sich hat, erklärt uns der Ich-Erzähler vor allem anlässlich der Beerdigung seines Kollegen Stanley Gibbs, des Kosmologen, der unter anderem so charakterisiert wird: „Er hatte die liebenswürdigste Art der Welt, anderen Menschen nicht zuzuhören.“ Stanley Gibbs also in seinen karierten Golfhosen und Fahrradgamaschen bringt seinen Kollegen durch seine Vorlesungen auf den Gedanken, dass die Zeit statt einer eindimensionalen Linie auch eine Oberfläche sein könnte, und zwar nicht irgendeine Oberfläche, sondern ein Möbiusband. Ein Möbiusband in seiner endlos geschlungenen Form hat bekanntlich „nur eine Seite, die zugleich Innenseite und Außenseite ist“. Wäre die Zeit von dieser Struktur, dann könnte natürlich auch das Gegenwärtige das Vergangene verursachen – und verändern. Davon ist der Ich-Erzähler zutiefst überzeugt: „Alles beginnt überall. Es gibt keine besondere Stelle, die der Anfang ist.“ Das ist Gustafssons Poetik in nuce.

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