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Joseph Breitbach: Rot gegen Rot : Nur der Liftboy ist auf allen Etagen zu Hause

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Bild: Wallstein

Der Erzählungsband „Rot gegen Rot“ vereint vorwiegend Stücke aus den zwanziger Jahren: Joseph Breitbachs zeigt eine weitverzweigte kommunistische Kultur und Subkultur und eröffnet erstaunliche Einsichten.

          Ein Vergessener war Joseph Breitbach nie - dafür ist sein Name zu häufig in den wichtigsten literarischen Tagebüchern und Briefwechseln des letzten Jahrhunderts zu finden. Aber wer heute von ihm spricht, bezieht sich meist mehr auf seine Biographie als auf sein nicht sehr umfangreiches Werk. Der junge Buchhändler aus Koblenz wurde Anfang der zwanziger Jahre Mitglied der Kommunistischen Partei und hat die Partei in Deutschland und in Frankreich, als sie sich in bürgerkriegshafter Kampfbereitschaft befand, gut kennengelernt. In diese Zeit fallen seine ersten Veröffentlichungen, Erzählungen und Essays, die Beachtung finden und seinen Namen in der literarischen Öffentlichkeit etablieren.

          Aber als Breitbach 1931 endgültig nach Frankreich geht, hat er sich vom Kommunismus gelöst. Sein Werk wird im nationalsozialistischen Deutschland verboten; während des Krieges bleibt er in Frankreich und versteckt sich mit der Hilfe seiner Freunde bis zum Kriegsende. Aber er bleibt ein deutscher Autor, die Muttersprache behauptet ihre Macht. Sein größter Bucherfolg nach dem Zweiten Weltkrieg wird „Bericht über Bruno“ von 1962, ein Staatsroman, geschrieben aus der Perspektive eines zynisch-weisen alten Premierministers in der Tradition Talleyrands, der in Gestalt seines Enkels Bruno mit einem politisch-moralistischen Puritanismus moderner Prägung zusammenstößt. Der Eindruck fanatischer Prinzipientreue, die über Leichen geht, beschäftigte Breitbach seit seinem Ausscheiden aus der Partei und wurde auch in diesem Buch bestimmendes Element: das kunstvolle Gebäude einer kompromissbereiten Staatskunst wird durch einen letztlich unpolitischen, weil nicht mit den Konstanten der Menschennatur rechnenden Radikalismus zertrümmert.

          Sehr selbstverständlich fand Breitbach sich in diesem Buch in den grandseigneuralen Ton des elder statesman, denn seine Lebensumstände waren längst nicht mehr die eines kommunistischen Buchhändlers; er war inzwischen sehr wohlhabend und nahm in den komplizierten Verhältnissen der Pariser Gesellschaft einen festen Platz ein. Das war wirklich eine Karriere wie die eines „jungen Mannes aus der Provinz“ bei Balzac. Sie böte Stoff für ein Werk, das Joseph Breitbach leider nicht geschrieben hat und wohl auch nicht schreiben wollte. Aber er wurde ein großer Mäzen, der eine ganze Reihe werdender Autoren großzügig und phantasievoll beschenkte und der das mit dem nach ihm benannten Literaturpreis über seinen Tod hinaus noch heute tut.

          Breitbachs Blick zurück eröffnet erstaunliche Einsichten

          Der Erzählungsband „Rot gegen Rot“, der vorwiegend Stücke aus den zwanziger Jahren vereint, deren Nachkriegsausgaben länger vergriffen waren, lenkt nun noch einmal den Blick auf die Breitbachschen Anfänge zurück, auf die Jahre, in denen er als Buchhändler in einem der Warenhäuser der Familie Landauer arbeitete. Bescheiden mag sich ein solches Warenhaus im damaligen Koblenz gegen heutige Kaufhausgiganten ausnehmen, aber für die Literatur der zwanziger Jahre und gerade auch für Breitbach war es ein Ort, an dem die neue Zeit, das Ende des Handwerks und der Beginn der Massenproduktion, das Aufkommen eines neuen Standes, des kleinen Angestellten, die Herrschaft einer kommerziellen Bürokratie, besonders rein verkörpert war. Das Warenhaus wurde für Breitbach ein Staat im Staat, an dem sich der Zustand der Gesellschaft ebenso zuverlässig ablesen ließ wie einst am Hof von Versailles in den Memoiren des Duc de Saint-Simon. Zum Protagonisten der Titelgeschichte ist der Liftboy Karl prädestiniert, denn er ist in allen Etagen des Emporiums gegenwärtig und als aktiver Kommunist in die Gesetzlichkeiten des Warenhausbetriebes genauestens eingeweiht.

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