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Antonio di Benedetto: „Zama wartet“ : Anfälle von Sinnlichkeit

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Di Benedetto gehört mit seinem neuen Roman entgültig in die Reihe der großen Erzähler Lateinamerikas. Er schildert die Wechselfälle der Geschichte seines Landes, driftet ins Irreale, ohne das Reale völlig zu verlieren, und erzählt souverän und geradezu leichtfüßig.

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          Müssen wir Antonio di Benedetto aufnehmen in die Reihe der großen Erzähler Lateinamerikas? Der Roman „Zama wartet“ spricht dafür. Di Benedetto war Argentinier und lebte von 1922 bis 1986. In der Militärdiktatur, 1976, wurde er verhaftet, kam wieder frei, lebte danach in Paris und in Madrid; nach Buenos Aires kehrte er erst 1984 zurück, wo er einsam und verarmt starb.

          „Zama wartet“ erschien bereits 1956. Di Benedetto überarbeitete ihn, und er kam 1967 abermals heraus; auf Deutsch erschien er im gleichen Jahr. Die Übersetzerin Maria Bamberg hat ihren Text für die Neuausgabe noch einmal bearbeitet, das Ergebnis ist tadellos. Der Unterschied zu den lateinamerikanischen Romanen liegt in der geradlinig und knapp erzählten Geschichte, die auf üppiges Fabulieren verzichtet. Sie handelt von dem Verfall eines Mannes. Das erzählt dieser selbst – nicht im Rückblick, sondern unmittelbar aus dem Erlebten heraus. Er ist kein Aussteiger, sondern einer, der scheitert, weil er immer nur wartet.

          Ungerechtigkeiten und Unheimlichkeiten

          Erstaunlich genug, gelingt es dieser Erzählung, sich fernzuhalten vom historischen Roman, obwohl er tief in der Geschichte spielt. Die drei Teile führen je eine Jahreszahl im Titel: 1790, 1794, 1799. Die Erzählung setzt kühn immer wieder aus, überspringt zweimal vier bis fünf Jahre. Es ist spanische Kolonialzeit, alles hängt zuletzt immer vom fernen König ab. Da ist die herablassend bis grausame Behandlung der Einheimischen, auch aus der Angst vor ihnen heraus – all das aber bildet nur den Hintergrund. Auch die feindselige Natur dringt herein. Denn der juristische Verwalter oder „Landverweser“ Don Diego de Zama wartet in einer Stadt im Norden. Nur das wöchentlich durch Kanonenschüsse angekündigte flussaufwärts und wieder zurückfahrende Schiff verbindet ihn mit Buenos Aires.

          Weit entfernt leben auch seine Frau, seine Kinder und seine Mutter. Er wartet auf seine Versetzung in ihre Nähe, freilich vergebens. Ärger mit dem Gouverneur, mit Untergebenen, peinigende Anfälle von Sinnlichkeit, die zu nichts Rechtem führen, außer zu einem Sohn, von dem er nichts wissen will, bei einer ärmlichen Mutter, die ihm gleichgültig ist, mithin innere Verrohung, die sich auch in Ungerechtigkeiten gegenüber Untergebenen zeigt, dann aber auch Hunger, denn das Schiff bringt oft kein Geld. Zur zunehmenden Lähmung kommen Unheimlichkeiten wie „der blonde Knabe“, der stets wieder erscheint, auch ganz am Ende noch einmal: „Gewachsen bist du nicht“, sagt ihm da, überrascht und diesmal lächelnd, der Alte. Und der Junge antwortet „mit unerschütterlicher Trauer“: „Du auch nicht“.

          Rasch, knapp, souverän

          Zama ist bei allem Erfahrenen nicht gewachsen. Vorher hieß es: „Ich fragte mich nicht, weswegen ich lebte, sondern weswegen ich gelebt hatte. Vermutlich um des Wartens willen, und ich wollte wissen, ob ich noch auf etwas wartete. Mir schien, ja. Man wartet immer noch auf etwas. So sah es mein Verstand, aber ohne ihn versank ich in tierische Stumpfheit.“ Gewidmet ist der Roman übrigens „Den Opfern des Wartens“.

          Dieser psychologische oder gar „existentialistische“ Roman vor exotischem Hintergrund setzt gleichwohl realistisch an, wobei das Unheimliche von Anfang an eine Rolle spielt. Besonders im dritten Teil löst sich die Erzählung ins Irreale auf, ohne dass sie den Bezug zum Realen völlig verlöre. Kurz vor Schluss dann sendet Zama eine Flaschenpost an seine Frau: „Marta, ich bin nicht gescheitert.“ Das alles ist raffiniert, aber ohne erkennbare Anstrengung, rasch, knapp, oft auf einzelne Worte reduziert, souverän, leichtfüßig geradezu und immer suggestiv erzählt. Und spannend ist es auch. Immer möchte man schlicht wissen, wie es weitergeht. Eine nützliche Zugabe ist das Nachwort von Roland Spiller.

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