https://www.faz.net/-gqz-6waq4

Extremtrends 2012 : Wie es weitergeht

Spätzle-Outsourcing nach Ungarn

In der Philosophie machen nach den slowenischen und französischen Maoisten und Kommunisten, welche die jüngste Vergangenheit beherrscht haben, vor allem stark an Gender- und Queer-Studies interessierte spanische Monarchistinnen ein größeres Fass auf. Jürgen Habermas äußert sich abwartend bis ablehnend, Papst Benedikt aber hat überraschenderweise diese „reizenden Damen alle schon gelesen“ (“Osservatore Romano“) und steht mit ihnen auch über sein gewissenhaft gepflegtes „HyPhen“-Account in ständigem Kontakt.

Das Klimadesaster geht unterdessen mehr in die Breite als die Tiefe: Einige Autobahnen in Baden-Württemberg werden über Nacht von mutiertem Löwenzahn überwuchert, zahlreiche Wutbürger demonstieren in Gestalt neuartiger Protestformen (Rasenmähen, Kühe hüten) dagegen und noch gegen so mancherlei anderes (Spätzle-Outsourcing nach Ungarn, Rave-Parties auf der Burg in Hechingen et cetera).

Gänzlich unkontrolliert entwickelt sich das Auszeichnungswesen in der Kultur: Aus Versehen erhält eine unwichtige Casting-Fernsehserie namens „Wer bei ,3’ nicht auf dem Baum ist, wird erschossen“ mehrere Oscars, die eigentlich an Spielberg hätten gehen sollen; den deutschen Buchpreis heimst „Spiegel Online“ ein; die Filmfestspiele von Cannes gewinnen die Filmfestspiele von Venedig. Am heikelsten: Alle Bären bei der Berlinale werden an irgendwelche Russen und ihre zwanzigstündigen Historiendramen über sich zäh hinziehende Beutekunstverhandlungen zwischen Peter dem Großen und deutschen Kleinstaaten verkloppt, damit die hinter diesen sinnlos opulenten Produktionen stehende Mafia dafür bezahlt, „Die Blechtrommel“, „Die bleierne Zeit“ und verwandtes Zeug in iPhone-Apps zu transformieren sowie das gesamte deutsche Filmerbe (“Inklusive Mainzelmännchen, sehr niedlich!“, so Putin) zu digitalisieren. Den Hörspielpreis der Kriegsblinden hat sich Stevie Wonder mit seinem „HyPhen“-Posting „?“ redlich verdient.

Die Herabstufung des Verfassungsgerichts

Immer mehr Menschen schalten ihren Handy-Klingelton von „lautlos“ auf „zwecklos“, um damit ein Zeichen gegen die allgemeine Entfremdung und die wachsende Anomie in den desorientierenden Kommunikationsumwelten der Jetztzeit zu setzen. Nokia fusioniert mit Nintendo und Toys’R’Us zu „Joynoise“ und macht den automatischen Klavieren der Musikindustrie durch eine neuentwickelte Lichthupe-zum-in-der-Tasche-Tragen Konkurrenz, deren augenblicklich einsetzende gigantische Beliebtheit die bisherige meistbejammerte Volkskrankheit „Depression“ durch eine neue Form von Epilepsie ablöst, welche laut Dr. Grönemeyer „auch sehr gut gegen Burnout und CIAEBCBDMAAPI hilft“.

Weil Fernsehshows, in denen zerrüttete Niedrigverdiener-Familien vorgeführt werden, niemanden mehr interessieren, kommen plötzlich Fernsehshows über das Lotterleben von liberalen Lobbyisten auf (“Das L-Wörtchen“), die allerdings nach undurchsichtigen Geschäften zwischen ehemaligen Freunden des Bundespräsidenten und irgendwelchen RTL-Bossen ganz plötzlich wieder vom Bildschirm verschwinden.

Das NPD-Verbot gelingt nach Verlängerung als Annex eines generellen Verbots aller politischen Organisationen, die dem deutschen Exportwesen Schaden zufügen können (federführend verantwortlich: Rösler), gleichzeitig wird aber das Verfassungsgericht vorübergehend suspendiert, weil Standard & Poor’s Deutschland als Land in „generell schlechter Verfassung“ einstuft. Diese Entscheidung wird erst wieder zurückgenommen, als die strengeren Glücksspielkontrollen, die im Einzugsbereich der EU vor allem die Börsen mitregulieren sollen, in Brüssel um einen Paragraphen gegen „unverhältnismäßige Wortspiele“ ergänzt werden, an den sich schließlich sogar die Moderatorinnen und -moderatoren der Formatradios halten, wenn sie dagegen auch mit einer Plakataktion vorgehen, die in deutschen Großstädten mit Hetzparolen wie „Dann spielen wir eben noch mehr olle Kamellen von Udo Lindenberg!“ droht.

Klatschen, bis die Hände wehtun

Ganz schlimm kommt es im Ausstellungsbetrieb: Auf „Gesichter der Renaissance“ folgt „Füße der Zwischenkriegszeit“, auf „Das Grab des Tutanchamun“ folgt „Die Küche der Kanzlerin“, und in Berlin steigt irgend etwas Gigantisches mit Fingerfarben, an dem weder Jonathan Meese noch Daniel Richter die geringste Schuld haben (Neo Rauch guckt allerdings, als wüsste er was).

Die D-Mark wird sehnsüchtig erwartet, kommt aber nicht zurück. Manchmal regnet es, oft scheint die Sonne. Der Sport hält sich einigermaßen, die Liebe höret nimmer auf, und wenn wir nicht gestorben sein werden, können wir sogar bei ein, zwei Theaterpremieren und Symphoniekonzerten klatschen, bis uns die Hände wehtun. Vorhang.

Weitere Themen

Topmeldungen

Vorbereitung einer Infusion.

Künstliche Antikörper : Wer bekommt Spahns Covid-Prophylaxe?

200.000 hochgradig gefährdete Bundesbürger sollen die „passive Impfung“ erhalten, für die die Regierung viel Geld in die Hand genommen hat. Die Antikörper helfen – allerdings nur vorbeugend, wenn die Infizierten noch nicht krank sind. Wer also bekommt sie?
Gerd Winner, No, 1983, Mischtechnik auf Leinwand

F.A.Z. exklusiv : Huber und Dabrock gegen assistierten professionellen Suizid

Evangelische Theologen haben für einen professionell assistierten Suizid in kirchlichen Einrichtungen plädiert. Das darf niemandem gleichgültig sein, dem an der öffentlichen Präsenz des Christentums gelegen ist. Ein Gastbeitrag.
Wohl dem, der zu Hause ein sonniges grünes Plätzchen hat. Eine Horizonterweiterung kann, mit dem richtigen Buch, auch dort stattfinden.

Zukunft des Tourismus : Über Leben ohne Reisen

Was passiert mit uns, wenn wir nicht reisen? Die Zukunftsforscher Horst Opaschowski und Matthias Horx über Langeweile, Horizonterweiterung und die Frage, wie unser Urlaub nach der Pandemie aussehen wird.

Gorman-Übersetzung für F.A.Z. : Gütig, aber mutig, wild und frei

Ihr Gedicht bewegte nicht nur Amerikaner: Amanda Gormans „The Hill We Climb“ steht in der Tradition von amerikanischem Rap und Slam Poetry und ist schwierig zu übersetzen. Wir veröffentlichen zwei für die F.A.Z. angefertigte Übertragungen ins Deutsche.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.