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Extremismus : Deutschradikale Republik

Nährboden DDR: NPD-Anhänger in Leipzig Bild: AP

Die neuen jungen Wähler am rechtsradikalen Rand sind die Kinder von Kindern der DDR. Die Mythen und Doktrinen des verblichenen Staates bilden den Nährboden für die verheerende Entwicklung von heute.

          5 Min.

          "Sie sind das Produkt unserer Gesellschaft, es sind unsere Kinder", schrieb der ostdeutsche Bürgerrechtler Konrad Weiß Ende des Jahres 1988. Sein Essay war der erste, der sich mit der erstarkenden rechtsradikalen Jugendkultur in der DDR auseinandersetzte.

          Regina Mönch
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Viel Beifall bekam er dafür nicht. Seine Analyse, so bitter sie war, klang trotzdem vorsichtig, eher suchend nach einer Erklärung, die sich nicht auf genaue Untersuchungen stützen konnte. Weiß berichtete schon damals von Feindbildern, die sich bis heute nicht geändert haben: Fremdenhaß, Antiamerikanismus, Vorbehalte gegen die westliche Demokratie, Antisemitismus. Und er stellte in Frage, daß mit der Verurteilung Tausender Naziverbrecher und dem verordneten Bekenntnis zum Antifaschismus die Vergangenheit tatsächlich aufgearbeitet worden ist.

          Diskreditierter Antifaschismus

          Er glaubte vielmehr, daß der Antifaschismus als Staatsdoktrin es allzu vielen Nazimitläufern ermöglichte, zur neuen Tagesordnung überzugehen, ohne jemals öffentlich über Schuld und Verstrickung nachdenken zu müssen. Stalinistischer Terror habe den Antifaschismus zudem moralisch diskreditiert, die latente Bereitschaft zur Abkehr schlug bei einem Teil um in einen neuen Fanatismus. Diese "rückbekehrten Faschisten", angepaßte DDR-Bürger, reichten ihre Gesinnung schließlich an die Generation der Enkel weiter, vermutete Weiß.

          Er beschrieb einen Alltag, der diese "jungen Faschisten", wie er sie nannte, lieber ausblendete, obwohl ihre brutalen Entgleisungen unübersehbar waren. Die sich antifaschistisch gebärdende Staatsmacht war statt dessen damit beschäftigt, alle zu jagen, die sich zum gewaltfreien Frieden, zum Schutz der Umwelt bekannten, die Menschenrechte und eine anständige Behandlung der ausländischen Arbeiter einforderten und gegen die Militarisierung des Schulunterrichts opponierten. Die antifaschistische Staatsmacht jagte also alle, die dem dumpfen Nationalismus, dem Haß auf alles Fremde und andere in dieser geschlossenen Gesellschaft vorgeblich Gleicher etwas hätten entgegensetzen können.

          Noch kein ernst zu nehmender Streit

          Neonazi-Demonstration in Frankfurt/Oder
          Neonazi-Demonstration in Frankfurt/Oder : Bild: AP

          Der Appell von Konrad Weiß, sich dieser verlorenen Kinder endlich anzunehmen und nach den Ursachen zu forschen, verhallte damals zwar nicht ungehört. Doch zu einer ernsthaften Auseinandersetzung in aller Öffentlichkeit konnte es nicht kommen, dazu war es noch zu früh. Jetzt aber, fast sechzehn Jahre später, sitzen rechtsradikale Parteien in ostdeutschen Landtagen, und sie geben sich damit nicht zufrieden. Neue Wahlbündnisse werden geschmiedet, um noch mehr Einfluß zu gewinnen. Es fällt schon auf, daß es zum ernst zu nehmenden Streit über Ursachen und Traditionen dieser Art von sozialen Bewegung immer noch nicht gekommen ist.

          Mag sein, daß sich diese Parteien innerhalb weniger Wahlperioden aus den Parlamenten wieder verabschieden, so wie es im Westen der Republik bisher immer noch geschehen ist. Aber vielleicht schafft eine NPD/DVU aus dem Osten, was sich heute niemand vorzustellen vermag: zum ersten Mal den Sprung in den Bundestag. Es sei darum davor gewarnt, auch dieses Problem ins konsensuale Beruhigungsbad zu legen und es als einen von vielen Ost-West-Unterschieden den selbstheilenden Kräften einer starken Demokratie zu überantworten. Die Rechtsradikalen im Osten sind ein Problem, über das sich vor allem Ostdeutsche streiten müssen - die, die sich genau daran erinnern, wie es wirklich war, mit jenen, die das noch nie wahrhaben wollten.

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