https://www.faz.net/-gqz-9y0tk

Geburt des Kreuzworträtsels : Ex nihilo

  • -Aktualisiert am

Ein Kreuzworträtsel von Arthur Wynne Bild: Archiv

Oft entsteht aus dem Nichts, aus Verlegenheit, etwas Großes. So verhielt es sich auch mit der Erfindung Arthur Wynnes, der das Quadratgitter revolutionierte.

          1 Min.

          Es gibt zwei konkurrierende Schöpfungserzählungen. In der einen ist der Geist ein Bastler, weil er das, was schon da ist, nur neu zusammensetzt. Der anderen zufolge schafft er aus dem Nichts. Das ist auf den ersten Blick die zumutungsreichere Variante. Denn wie soll man sich das Nichts überhaupt vorstellen? Und was soll es denn heißen, „aus“ ihm, dem Nicht-Etwas, etwas zu schaffen? Aus nichts wird nichts, formuliert der Volksmund in Anlehnung an Lukrez seinen Eindruck, es müsse, bevor etwas werden konnte, doch stets schon etwas dagewesen sein.

          Was, so formuliert, allerdings auch nur wie ein Rätsel klingt. Bitte ein Beispiel, ruft an dieser Stelle unser Verstand. Tatsächlich finden wir manches aus der puren Verlegenheit entstanden, dass etwas anderes gerade fehlte. Die Erfindung des Fahrrads ist so erzählt worden: Kälteeinbruch, Missernte, Pferdefutterknappheit, Pferdesterben, Transportmittelnichts – Draisine. Oder nehmen wir die Erfindung des prominentesten Nichts überhaupt: die der Null. Zunächst war sie nur eine unbesetzte Stelle im indischen Zahlensystem, gewissermaßen ein Punkt in einer Lücke, eine leere Schachtel, bis jemand auf die Idee kam, mit diesem Nichts zu rechnen.

          Und schließlich Arthur Wynnes Erfindung. Der Redakteur der „New York World“, genauer: ihrer Wochenendbeilage „Fun“, hatte Weihnachten 1913 mehr Platz als Texte. Und erfand in den leeren Weißraum hinein – das erste Kreuzworträtsel. Aus dem Nichts? In ihrem soeben erschienenen schönen Buch darüber („Thinking Inside the Box“, Penguin Press 2020) verweist Adrienne Raphel auf Wynnes Spielmaterial. Zuvor schon hatte es nämlich in Zeitungen und Magazinen für Kinder quadratische Rätselgitter gegeben, in denen die Löser drei- bis fünfbuchstabige Wörter so anordnen sollten, dass sie sich vertikal wie horizontal lesen ließen (FOE, OFF, FED).

          Wynnes eigentliche Erfindung waren darum gar nicht die weißen leeren Boxen für die Buchstaben. Es waren die schwarzen, in die man was eintragen darf? Nichts. Durch diese blockierten Felder und die Ablösung vom Quadrat wurde das Rätsel frei für unterschiedlich lange Wörter und trat so seine welthistorische Karriere als großes Langeweilevernichtungsetwas an. So dialektisch ist die Schöpfung aus der Lücke.

          Weitere Themen

          Bloß nicht bewegen

          Neues Buch von Juli Zeh : Bloß nicht bewegen

          „Fragen zu ,Corpus Delicti‘“, das neue Buch von Juli Zeh, wirkt wie ein Kommentar zur Pandemie. Es geht um Freiheit und Staatswillkür. Was können wir daraus lernen?

          Worte, Worte, Worte

          Marcel Reich-Ranicki zum 100. : Worte, Worte, Worte

          „Das literarische Quartett“ mit Marcel Reich-Ranicki lief im ZDF von 1988 bis 2001. Die Sendung kann uns bis heute einiges lehren. Auch über den Umgang mit Hassrede im Netz.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.