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Event-Tipp : Der Palio: das spektakulärste Pferderennen der Welt

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Volksfest und Wagnis: Die Pferde in der gefährlichen San Martino-Kurve Bild: dpa

Nach alter Tradition treten jedes Jahr zweimal Reiter aus den Vierteln der Stadt Siena auf dem Campo zum Pferderennen an. Am 15. August ist es wieder soweit.

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          Zweimal im Jahr, am 2. Juli und am 15. August, findet in Siena ein Atem beraubendes Pferderennen statt: der Palio. Dabei treten nach Jahrhunderte alter Tradition die Stadtviertel Sienas gegeneinander an. Das Rennen findet immer auf dem Campo statt. Der mittelalterliche Platz vor dem Rathaus von Siena gehört zu den schönsten und architekturhistorisch bedeutendsten Plätzen Europas. Manche halten ihn schlicht für den schönsten Platz der Welt.

          Seit 1729 treten 17 Stadtviertel Sienas, die Contraden, gegeneinander an. Ein Teil reitet am 2. Juli, ein anderer am 15. August jedes Jahres. Die Stadtviertel haben seit dem Mittelalter eigene Wappen. Und seit dieser Zeit gibt es auch den Palio: In verschiedenen Variationen findet das Rennen seit dem 14. Jahrhundert statt. Schon damals winkte dem Sieger als Belohnung ein wertvolles Stofftuch, genannt Pallium. Über die Jahrhunderte wurde aus dem Pallium ein kostbar gearbeitetes Banner, das die Sieger wie ein religiöses Symbol durch die Strassen tragen.

          Festbankette am Vorabend

          Dem Rennen selbst geht ein stundenlanger und farbenprächtiger historischer Umzug auf dem Campo voraus. Er erinnert an die Ritterspiele des Mittelalters, die nirgendwo in Europa so prächtig ausfielen wie in den Fürstentümern und Stadtstaaten Italiens.Noch heute wird auf die Authentizität der Kostüme großen Wert gelegt.

          Der Palio findet nach vorgeschriebenen Regeln statt und beginnt im engen Sinne mit Festbanketten der einzelnen Stadtviertel am Vorabend. Wer das Spektakel schon einmal erlebt hat, versteht, dass es hier um mehr geht als um Tradition und Folklore. Der Zusammenhalt in den Stadtvierteln von Siena ist bis heute einzigartig. Jedes Viertel ist eine riesige Familie. Dass beim Festessen auf der Piazza am Vorabend ein alter Mann offiziell willkommen geheißen wird, der lange schwer erkrankt war, wird als normal beschrieben. Siena ist damit die gelebte Utopie einer Stadt, in der Anonymität und Einsamkeit ein Fremdwort sind. Und auch die jungen Leute scheinen dieselbe Liebe zu ihrer Contrada zu empfinden wie die Altvorderen. In den Tagen vor dem Palio hört und sieht man sie überall die emphatischen Hymnen ihrer Conraden singen.

          Zusammenhalt in den Stadtvierteln

          Der Zusammenhalt gibt den Bewohnern eine Stärke, die nach Ansicht des Bürgermeisters Maurizio Cenni in den Zeiten der „allgemeinen Anonymisierung“ ein Trumpf ist.

          Das Bewusstsein für die eigene Contrada weckt aber nicht nur ehrenwerte Gefühle: Jeder Stadtteil hat „wie im Mittelalter“ einen Erzfeind, hinter dem man beim Rennen keinesfalls zurückfallen darf. So wird während des Rennens mit Haken und Ösen die Position erstritten. Treten, Stoßen und Abdrängen sind erlaubt. Gerüchteweise soll es auch jedes Jahr zu Bestechungsversuchen kommen, um sich den Sieg zu erkaufen.

          Beim ersten Rennen dieses Jahres, am 2. Juli, soll ein Stadtviertel drei Millionen Mark geboten haben, um nach vierzehn Jahren endlich wieder einmal als erstes ins Ziel zu kommen. Gewonnen hat diese Contrada nicht. Bezahlen muss sie trotzdem. Ein Wort, so heißt es in Siena, darf nicht gebrochen werde.

          Gefahren für die Pferde

          Auch das Rennen selbst hat nicht nur schöne Seiten. Tierschützer protestieren seit Jahren gegen den Palio. Denn immer wieder verletzen sich Pferde schwer, manchmal so schwer, dass sie getötet werden müssen. 1998 starb ein Pferd an einer Überdosis Doping, ein anderes versuchten Chirurgen nach einem Sturz in der San-Martino-Kurve vergeblich wiederherzustellen. Es musste erschossen werden. Seit 1975 sollen 37 Pferde beim Palio zu Tode gekommen sein.

          Die Stadt hat auf die Kritik reagiert und fürs erste die Sicherheitsvorkehrungen erhöht. Der Belag der Rennbahn wurde verbessert, die San-Martino-Kurve mit Polstern versehen, wie sie bei Formel-Eins-Rennen üblich sind. Es wäre dem Rennen gewiß

          Vergleiche mit dem Stierkampf sind jedoch abwegig. Schließlich soll das Pferd beim Palio nicht getötet werden. Und ohne einen Hauch von Gefahr wäre der Palio nicht dasselbe atemberaubende Spektakel, das in diesem Jahr wieder 15.000 Menschen auf den Campo lockte.

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