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Evangelikale in Berlin : Was würde Rick Warren sagen?

  • -Aktualisiert am

Von einer Atmosphäre wie in den Vereinigten Staaten - hier eine Szene aus dem kalifornischen Lake Forest - kann die Saddleback Church in Berlin vorderhand nicht einmal träumen. Bild: Saddleback Church

Mormonen, Scientology und New-Age-Heilsucher gibt es im scheinbar atheistischen Berlin bereits. Jetzt will die Saddleback Church, eine der größten evangelikalen Kirchen Amerikas, in der Hauptstadt Fuß fassen. Ein Gemeinde-Besuch.

          Wer vor etwas mehr als einem Jahr die Dokumentation „Virgin Tales“ der Schweizerin Mirjam von Arx gesehen hat, der hört das Wort „evangelikal“ mit einigem Befremden. Der Film dokumentiert das Leben einer evangelikalen amerikanischen Familie, die „Reinheitsbälle“ veranstaltet, bei denen die Töchter im weißen Kleid ihren Vätern geloben, sich für die Ehe zu bewahren, und im Gegenzug von diesen einen Ring an den Finger gesteckt bekommen.

          Der Film endet mit dem Hinweis, dass dieses Ritual gerade nach Europa gelange - auch hierzulande würden erste Reinheitsbälle veranstaltet. Tatsächlich sind evangelikale Gemeinden in Deutschland auf dem Vormarsch. Die Schätzungen, wie viele Evangelikale es in Deutschland mittlerweile gibt, gehen weit auseinander. Mal ist von 1,3 Millionen die Rede, mal von bis zu 2,5 Millionen.

          Das liegt auch daran, dass der Begriff „evangelikal“ ziemlich unscharf ist, denn er umfasst eigentlich das Gros der „Freikirchen“, also aller vom Pietismus inspirierten Spielarten des Protestantischen, die einem unter Begriffen wie „reformiert“, „lutherisch“, „baptistisch“, „methodistisch“ oder auch „anglikanisch“ begegnen. Häufig nehmen Evangelikale die Bibel wörtlich, häufig spielen Erweckungserlebnisse eine Rolle - und eigentlich immer scheint es um eine irgendwie „persönliche“ Beziehung zu Jesus Christus zu gehen.

          Es geht um eine Art Lebenshilfe

          Mit dem Stuttgarter „Gospel-Forum“ etwa, das früher noch ganz bieder „biblische Glaubensgemeinde“ hieß, entstand 2001 eine Gemeinde, die im Laufe der Jahre zur ersten evangelikalen „Megachurch“ Deutschlands wurde. „Megachurch“ bedeutet, dass eine Kirche im wöchentlichen Durchschnitt mehr als zweitausend Gottesdienstbesucher hat. Überwiegend sind es evangelikale Gemeinden, die ein derart explosives Wachstum erfahren, meistens finden sie sich in Nordamerika, aber auch in vielen Ländern der Dritten Welt. Die weltweite evangelikale Dachorganisation „World Evangelical Alliance“ zählt 420 Millionen Gläubige.

          Gemeinsam glauben, gemeinsam singen: Szene vom Berliner Gemeindegottesdienst

          Häufig geht es bei solchen evangelikalen Gemeindeformationen auch um eine Art Lebenshilfe, man singt gemeinsam, trifft sich, spricht über alltägliche Dinge. In Stuttgart zieht das an den Wochenenden bereits bis zu viertausend Gläubige in den Gottesdienst.

          Dass die Evangelikalen ausgerechnet in Deutschland einen so großen Zulauf erfahren, ist vor allem deshalb interessant, weil sie sich hierzulande gemäß der Zwei-Reiche-Lehre von Luther im gesellschaftlichen und politischen Diskurs bisher eher zurückgehalten haben.

          Aber neuerdings weht ein anderer Wind, und er kommt, natürlich, aus Amerika, wo häufig erzkonservative evangelikale Christen eine derart relevante gesellschaftliche Gruppe darstellen, dass sich selbst Obama beim Antritt seiner zweiten Amtszeit veranlasst sah, den evangelikalen Pastor Rick Warren eine Fürbitte sprechen zu lassen.

          Stimmung wie im Freizeitheim

          Dessen Kirche, die Saddleback Church, ist eine der größten evangelikalen Gemeinden Amerikas. Jetzt hat sie ihren allerersten europäischen Ableger eröffnet, und das ausgerechnet in Berlin, dessen Atheismus zwar viel beschworen wird, von dem aber zwischen allen möglichen New-Age-Heilssuchern und christlichen Splittergruppen manchmal gar nicht so viel zu spüren ist. Im Vergleich zur amerikanischen Saddleback-Gemeinde sind die Stuttgarter Bibeltreuen ein kleiner privater Betverein.

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