Eurovision Song Contest : Frau Kümmernis
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Conchita Wurst, eine „sie mit Bartwuchs“, eine der skurrilsten Teilnehmerinnen beim ESC. Bild: REUTERS
Wer vermag schon Travestiekünstler und homophobe Nationalisten zu vereinen? Ein „Käfig voller Narren“ namens Eurovision Song Contest! Vom bizarren Kräftemessen der Weltanschauungen.
Ob man in Armenien oder Russland, wo das Christentum seit dem Ende der Sowjetunion auflebt, die Legende der Wilgefortis kennt? Sie, zu deutsch „Frau Kümmernis“, soll die christliche Tochter eines heidnischen Königs gewesen sein. Als dieser sie mit einem Heiden verheiraten wollte, habe sie Gott um Hässlichkeit gebeten. Weil ihr daraufhin ein dichter Bart wuchs, habe ihr Vater sie kreuzigen lassen. Bis ins achtzehnte Jahrhundert zeigten die Kirchen Europas Bilder der bärtigen Heiligen in prächtigen Kleidern. Doch als Anfang dieser Woche Conchita Wurst, alias Thomas Neuwirth, die/der heute Österreich beim Eurovision Song Contest (ESC) vertritt, in Glitzerchiffon, Wallehaar und blauschwarzem Vollbart nach Kopenhagen kam, schrak die armenische und russische Konkurrenz zurück wie der Teufel vorm Weihwasser.
Abartig, krank, so etwas gehört nicht auf die Bühne - kein ranziges Vorurteil, das nicht laut geworden wäre. Die steinzeitlichen Anti-Schwulen-Gesetze der Duma tragen Früchte. Zwar hat der armenische Teilnehmer sich inzwischen entschuldigt, doch es geht weiterhin steinzeitlich zu beim ESC: Die Tolmachevy Sisters, niedliche Zwillingsblondinen aus Russland, wurden beim Halbfinale aus Solidarität mit Kiew ausgepfiffen; Marija Yaremchuk, die brünette, ebenso niedliche Ukrainerin, wurde hingegen frenetisch gefeiert. Für die Türkei wiederum wird es weder Bravo noch Buh geben, weil sie diesmal fehlt - aus Ärger über den Vorwurf, sie lande seit Jahren vorn, weil türkische Immigranten in allen europäischen Ländern wettbewerbsverzerrend für ihre Heimat stimmten. Dass die polnische Gruppe Donatan & Cleo mit folkloristischem Pseudostriptease und eindeutigem Butterfass-Gefummel spießiges Puffniveau bietet, wagt beim ESC, weil Polen im Ukrainekonflikt Schulterschluss mit dem Westen übt, kaum jemand zu sagen. Und aus vergleichbaren Gründen wird nur geflüstert, dass Conchita Wursts beim Halbfinale von Zehntausenden bejubelte Ballade „Rise like a Phoenix“ zwar imponierend stimmgewaltig vorgetragen wird, aber eigentlich nur ein routiniertes blasses Imitat der uralten Bond-Songs von Shirley Bassey ist.
Travestie und Nationalismus
Skandale gab es beim ESC schon öfter. Als orthodoxe Juden der Siegerin von 1998, dem israelischen Transvestiten Dana, Auftrittsverbot erteilen wollten. Oder als Gaza 2011 protestierte, weil eine Israelin und eine Palästinenserin im Duett sangen. Oder die Propaganda-Orgie Aserbeidschans 2012, als die dortige Diktatur den ESC ausrichtete. Kopenhagen aber übertrifft sie alle: Hier ist aus einem Musikwettbewerb, einem übermütig überdrehten Fest Europas ein bizarres Kräftemessen der Weltanschauungen geworden. Als vor einer Woche prorussische Demonstranten auf den Straßen von Donezk schrien: „Wir werden das schwule Europa niemals akzeptieren“, glaubten wir noch, derlei Stumpfsinn würde nie die Freizone des Show-Business erreichen. Nun wissen wir, dass der hirnlose Nationalismus und Schwulenhass des zwanzigsten Jahrhunderts auch dort auferstanden sind. Da hilft wohl nur noch, zur heiligen „Frau Kümmernis“ zu beten.