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Europameister Spanien : Herrlicher Fußball, von Herren gespielt

Die spanische Sportzeitschrift „as“ anerkennt die Siegerpose Balotellis mit kleiner Korrektur Bild: as

Manchmal ist Verlieren wichtiger als Gewinnen. Der spanische Nationaltrainer Vicente del Bosque steht für Arbeit, Demut und Bescheidenheit. Sein Land hat diesen Wertekatalog jetzt vor sich.

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          Am Morgen nach dem spanischen Triumph von Kiew brachte die Zeitung „El Mundo“ auf ihrer dritten Seite eine Karikatur. Sie zeigt den Nationalcoach Vicente del Bosque als Regierungschef und zehn seiner Fußballer als Minister: unrasiert, lächelnd, mit wüsten Frisuren und vermutlich auch mit der richtigen Strategie gegen die Schuldenkrise und die stetig steigende Arbeitslosigkeit in der Tasche.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Mehr als nur ein Korn Wahrheit ist daran: Am liebsten würde Spanien das Modell seines fußballerischen Erfolgs auf Wirtschaft und Politik übertragen. Bisher werden die Fußballer der „Roja“ zwar nicht als Institution betrachtet, so dass sie in einer soeben veröffentlichten Rangliste, die das Vertrauen der Spanier in öffentliche Einrichtungen, Verbände und Berufsstände misst, nicht auftauchen. Aber besser als die katholische Kirche, die von 58 Prozent der Bevölkerung missbilligt wird, wären sie allemal. Und erst recht vertrauenswürdiger als der Oberste Gerichtshof, der 68 Prozent der Befragten gegen sich hat, die Gewerkschaften (71) oder die Rajoy-Regierung (74 Prozent), zu schweigen von den spanischen Banken und den politischen Parteien, die bei 88 Prozent der Menschen auf Ablehnung stoßen.

          Sport ist nicht Politik

          „Ich möchte lieber nicht“, sagt Trainer Vicente del Bosque zu solchen symbolischen Terraingewinnen des Fußballs. Sport ist nicht Politik. Natürlich bereite der Erfolg der Nationalmannschaft den Menschen Freude, und es sei schön, dass seine Jungs selbst von denen gemocht würden, die mit Fußball nichts im Sinn hätten. Ihm selbst, Vicente del Bosque, komme es vor allem auf ein paar Grundwerte an: Arbeit, Demut, Bescheidenheit.

          Was erklären würde, warum er gleich nach dem Sieg gegen Italien den Sportsgeist des Gegners lobte und nach Entschuldigungen für dessen Auseinanderbröckeln suchte. Oder warum er seit dem 1:0 gegen Deutschland im WM-Halbfinale von Südafrika 2010 von der „Eleganz“ und dem „Stil“ der Löw-Mannschaft spricht. Als wir del Bosque vor fünf Wochen im österreichischen Trainingslager fragten, wie es sich denn so anfühle nach all den Lobeshymnen für die Siege der vergangenen Jahre, da unterbrach er höflich und sagte: „Ich habe auch verloren! Manchmal ist verlieren wichtiger als gewinnen.“

          Das stimmt insofern, als der einundsechzigjährige Trainer auch nach einer EM-Finalniederlage derselbe geblieben wäre. Er hätte an seinen Werten nichts zu korrigieren gehabt. Man darf noch weiter gehen: Del Bosque und seine Mannschaft sind nicht deswegen ein Vorbild für die spanische Gesellschaft, weil sie gewonnen haben, sondern, weil sie den Erfolg nur mit ihren Mitteln und einem sorgfältig erarbeiteten Stil suchen.

          Zu diesem Stil gehört ein entsprechendes äußeres Auftreten. Divenhaftes Getue, Affären oder markige Sprüche hat es von dieser Mannschaft nie gegeben. „Don Vicente“, wie die katalanische Zeitung „La Vanguardia“ den Trainer jetzt mit Ehrerbietung nannte, hätte so etwas nicht geduldet. „Geteilte Führung“ nennt der Coach sein sanftes Autoritätsprinzip, und wie kein anderer hat er es geschafft, einen Kader selbstbewusster Fußballerpersönlichkeiten zu einer solidarischen Mannschaft zu formen.

          Zehn Zentimeter Abstand reichen

          Die ideelle Grundlage des spanischen Spiels ist die Angriffsphilosophie des FC Barcelona, die ihrerseits auf die große Ära des holländischen Trainers Johan Cruyff in den neunziger Jahren zurückgeht. Insofern ist das Spiel der „Roja“ nicht allein spanisch, sondern ein europäisches Amalgam und geradezu modellhaft für Europa selbst. Langer Ballbesitz, der durch blitzschnelles, äußerst präzises und unermüdlich wiederholtes Abspiel erreicht wird; und hohe Flexibilität aller Mannschaftsteile durch ausgetüfteltes Positionsspiel. Man hat oft gesehen, dass die Spanier die Bälle gerade dorthin spielen, wo viele gegnerische Beine stehen, als wollten sie sich geradezu durch den Widersacher hindurchschlängeln. Das ist programmatisch: Wer so gut am Ball ist, braucht tatsächlich nur zehn Zentimeter Abstand vom Gegner.

          Die Europameisterschaft in Polen und der Ukraine war nur in vereinzelten Partien ein Turnier der Stars. Alle großen europäischen Stürmer, von Robben und Ibrahimovic über van Persie, Ronaldo und Balotelli, sahen sich am Ende durch überlegene Mannschaftsleistungen und straffe Teamorganisation an den Rand gedrängt. Internationale Turniere sind derzeit keine Paradeplätze für Pfauen. Sie belohnen nicht die Soloshow des Stars, sondern intelligente Kollaboration, wie Xavi, Iniesta & Co. sie in Vollendung demonstriert haben.

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