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Europäische Münzen : Geld ist unser Gierobjekt

  • -Aktualisiert am

Der Euro: Eine einheitliche Währung mit vielen Ursprüngen Bild: dpa

Es ist mehr als nur ein flüchtiger Buchungswert, es ist die Härte unserer Träume: Geld. Doch jedes europäische Land hat seine eigenen Vorstellungen zu dem Begriff. Warum? Ein Blick in die Geschichte hilft.

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          Was manche in bodenlose Tiefen stürzt, führt andere auf die Höhe des Triumphs. „Le triomphe de la cupidité“ heißt lärmend die französische Übersetzung des jüngsten Buchs des amerikanischen Ökonomen Joseph Stiglitz, „Freefall“ im Original, deutsch „Im freien Fall“. Geldgier ist das Stichwort, unten wie oben. Fragt sich nur, wie man das Objekt jener Gier sich vorstellen soll, als flüchtigen Buchungswert für Spekulanten oder als harte Währung, auf der man sitzt.

          Aufschlussreich ist ein Umweg in die Geschichte. Geld als solches wäre für einen Menschen des Mittelalters eine unverständliche Sache gewesen, schreibt der Historiker Jacques Le Goff in seinem neuen Buch „Le Moyen Age et l'argent“ (Perrin). Vertraut waren den Leuten damals die Metallmünzen, die im Hochmittelalter durchaus auch den Bauern schon durch die Hand liefen. Sie als Wertvorrat aber irgendwo zu vergraben, wie der Bauer in der Fabel Äsops es noch tat, wäre bis zum dreizehnten Jahrhundert keinem mehr eingefallen. Der entscheidende soziale Unterschied sei lange der zwischen „potentes“ und „humiles“ gewesen, erläutert Le Goff, bevor er allmählich von dem zwischen „dives“ und „pauper“, materiell reich und arm, abgelöst wurde.

          Gierobjekt für Trader

          Zum Thema der allgemeinen Diskussion, in der auch die Kirche ihre prinzipielle Verurteilung von Wertvermehrung durch Wucherzinsen zu lockern begann, wurde das Geld mit den Bettelorden, die sich in den Städten ansiedelten und ein Auskommen brauchten. Bei dem Dominikaner Albertus Magnus etwa, einem wahren Apologeten des Stadtlebens und der dort reich gewordenen Kaufleute, stehe die „avaritia“ und die „cupido“ in der Rangordnung der Kapitalsünden hinter der „luxuria“, der Schwelgerei, nur noch auf dem dritten Platz. Womit wir wieder beim Thema sind.

          Die guten alten Francs: Die ehemalige französische Währung glänzt in allen Legierungen

          Dass die heute wachsende Aversion gegen die Raffgier der Trader und ihrer Auftraggeber weltweit doch sehr unterschiedliche Formen annimmt, kann nur mit den divergierenden Vorstellungen hinter dem Begriff Geld zusammenhängen. Kaum ein anderes Wort weist seiner Herkunft nach in so unterschiedliche Richtungen - das englische „money“ auf die alten Münzwährungen, das französische „argent“ auf das handfeste Silbermetall, das italienische „soldi“ auf das, was in der Rechnung bleibt, der spanische „dinero“ und das portugiesische „dinheiro“ auf die altrömische Werteinheit, das deutsche „Geld“ auf den abstrakten Gegenwert, mit dem etwas abgegolten wird.

          Spekulationsalgorithmen in Sekundenbruchteilen

          Sollte das auch erklären, warum die gegenwärtige Euro-Krise Franzosen und Deutsche bis zur Nervenkrise auseinandertreibt? Den Deutschen müsse nun endlich klargemacht werden, dass man sich ihrem Diktat einer moralisch gehärteten Währungsstabilität nicht beugen werde, dass sie nicht allein für die Zukunft des Euro zuständig seien, sagen unverblümt mittlerweile auch besonnene Kommentatoren in Frankreich. Und die Kanzlerin Merkel, vor kurzem noch eine sympathisch hausbackene Kontrastfigur zum glittervernarrten Sarkozy, mutiert in der französischen Wahrnehmung gerade zur sturen eisernen Lady, die anders als ihre Vorgängerin an der Themse mehr durch Eigensinn als durch offene Kampflust auffällt.

          Dabei ist auch den Franzosen bewusst, wie sehr hinter der deutschen Abstraktion „Geld“ noch die harte Mark wirkt, mit der 1871 die Einheit des Reichs, 1945 der Wiederaufbau, 1989 die Wiedervereinigung gelang. Sie selbst haben den Verlust des Franc umso schneller verschmerzt, als ihr „argent“ vom Écu bis zum Louis d'or problemlos in allen politischen Legierungen glänzte. Für dieses Selbstvertrauen ist ein geschichtliches Langzeitgedächtnis notwendig: das Gegenteil von dem, was gegenwärtig an den Börsen mit ihren auf Sekundenbruchteile angelegten Spekulationsalgorithmen herrscht.

          Habgier und Blauäugigkeit

          „Sollten Unternehmen an Stelle von Mathematikern mehr Historiker einstellen?“ Das fragten Alexander Jung und Thomas Schulz unlängst im Buch „Geld macht Geschichte“ (DVA) den Harvard-Historiker Niall Ferguson. Die Antwort des Bestsellerautors war Ja; die Mathematiker an den Schalthebeln des Marktes sähen kaum mehr weiter als über die Aktienkurse am Quartalsende hinaus.

          Nichts anderes sagt der Finanzexperte Olivier Lecomte von der Pariser École Centrale: Die Mathematiker von der Finanzwirtschaft glaubten, dank ihren Modellen Voraussagen mit der Verlässlichkeit von Naturgesetzen machen zu können - „und wenn diese Blauäugigkeit sich mit Habgier verbindet, wird die Sache explosiv“. Daraus gibt es eigentlich nur eine Konsequenz: Vergessen wir die mathematische Abstraktion Geld. Halten wir uns mehr an die Härte der Träume, die wir uns noch leisten können, als an die der bloßen Notierungswerte. Pumpen wir eine andere Zukunft an.

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