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Europäer und Amerikaner : Mon Ami, go home!

Patti Smith als Rimbaud, Donna Leon als Venezianerin: Künstler tragen Kostüme, um arbeiten zu können. Sie verkleiden sich, legen sich in Pose, geben sich neue Namen: Das bringt die Beschäftigung mit Fiktion offenbar so mit sich. Man wird selbst ein bisschen fiktional – wie wunderbar, dabei zuzuschauen: Der amerikanische Schriftsteller John Cheever zum Beispiel musste immer erst einen Anzug anziehen und ihn dann wieder ausziehen, um schreiben zu können. Er stand also morgens auf, frühstückte, zog sich einen Anzug an, fuhr mit dem Fahrstuhl in den Keller seines Apartmenthauses in Manhattan, wo sein Schreibtisch in einem Verschlag stand, zog den Anzug wieder aus und schrieb in Boxershorts los – und zwar messerscharfe, traurige amerikanische Prosa, wie man sie sich von deutschen Autoren heute sehr wünschen würde. Sein Biograph Scott Donaldson hat Cheevers Anzugsache mit dem Bedürfnis nach Disziplin erklärt. Aber das ist zu klein gedacht. Eher ist es so, dass Cheever eine äußere Verwandlung gebraucht hat, um die innere Verwandlung in Gang setzen zu können, die notwendig ist, um so etwas Kompliziertes wie Schreiben hinzukriegen.

Es gibt bei Menschen, die Kunst machen, offenbar ein spezielles Verhältnis zum Uneigentlichen, zur Pose, zur Inszenierung. Im Falle Cheevers einzuwenden, der habe halt auch nur einen Anzug im Büro getragen, jeder Finanzbeamte tue das auch, ändert gar nichts: Cheever ist nun mal kein Beamter gewesen, er hat sich Geschichten ausgedacht mit Leuten, die es gar nicht gibt.

Identität ist nicht fix, sondern wandelbar

Der Konflikt zwischen Innen und Außen, zwischen den Grenzen des Menschenmöglichen und dem Wunsch, sie zu überschreiten, hat die Kunst, die dabei herauskam, immer nur interessanter gemacht: Etwas zu sein, aber dabei immer zugleich etwas anderes darstellen zu wollen. Was das amerikanisch-europäische Verhältnis bei alledem aber so speziell macht, ist, dass sich beide Seiten nicht nur irgendwie ergänzen, sondern sich spiegelnd steigern, gegenseitig vergrößern. Als könne der eine nur durch den anderen richtig erkennen, was er ist. Oder sein will. Oder eben nicht.

Und vielleicht lässt sich aus Patti Smith’ Sehnsucht nach Arthur Rimbaud und Wim Wenders’ Sehnsucht nach Licht und Leere des amerikanischen Westens sogar noch etwas lernen, was, im Zeichen von „Make America Great Again“ oder „Jetzt nimmt Europa sein Schicksal selbst in die Hand“, in Vergessenheit geraten könnte: Identität ist nicht fix, sondern wandelbar, sie ist Verhandlungssache genau wie der Klimaschutz. Man stößt an Grenzen und erkennt sie dabei genauer.

Und wer statt mit Identität mit Traditionen argumentiert, muss erkennen, dass es auch Tradition hat, aus seinem Wirkungskreis zu schreiten, um es mit Mozart zu sagen. Und der war immerhin Österreicher, genau wie Beethoven. Oder war das Karl Kraus? Aber der ist ja jetzt Jonathan Franzen.

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