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Europäer und Amerikaner : Mon Ami, go home!

Es gibt ein amerikanisches Bild aus dem Jahr 1867, Albert Bierstadt hat es gemalt: Es heißt „In the Mountains“ und zeigt einen Bergsee unter mächtigen Gipfeln und Steilwänden und einen Wasserfall, und wenn man es Leuten zeigt, die sich entweder mit Malerei oder mit Bergen auskennen, rufen sie „Caspar David Friedrich!“ oder „Watzmann!“. Tatsächlich hat Bierstadt hier spiegelverkehrt den Königsee ins Yosemite Valley verlegt. Wo genau er das Bild gemalt hat, lässt sich nicht mehr sagen, am Ende stand er in seinem Atelier und träumte Nachbildern hinterher. Aber man sieht hier einen Künstler am Werk, der die Landschaft, in der er lebt, zu verstehen und überhöhen versucht, indem er einen europäischen Berg in sie hineinmalt – und damit zugleich die Traditionen europäischer Landschaftsmalerei. Wo also ist dieses Bild zu Hause? Ist das amerikanische Malerei? Wenn ja, dann offensichtlich gemalt im Wunsch, den neuesten europäischen Konventionen nachzueifern. Es ist jedenfalls keine Kopie, sondern etwas Einzigartiges, entstanden aus dem Chargieren zwischen den Welten.

„Ich umarmte ihn als Landsmann“, schreibt Patti Smith in ihre Autobiografie „Just Kids“ über Arthur Rimbaud.

Genau hundert Jahre später, im Jahr 1967, hatte Patti Smith ihren geklauten Rimbaud in den Koffer geschmissen und Philadelphia verlassen, wo sie in einer Fabrik gejobbt hatte: „Gemeinsam hauten wir ab.“ Nicht nach Roche in die Ardennen, wo Rimbauds Haus stand, sondern nach New York, wo Patti zum Superstar des Punkrocks aufstieg – und mit dem Gitarristen Tom Verlaine zusammenlebte, auch ein Star des amerikanischen Punkrocks, der sich wiederum nach dem Dichter Paul Verlaine benannt hatte, einem Freund Rimbauds. Während der Rest der Welt, jedenfalls im Pop, damals nach New York schaute, weil dort ein neuer Stil und Sound entstand, der über den Umweg durch London bald alle elektrisieren sollte, schauten die Hauptdarsteller der New Yorker Szene auf ihre Leitsterne jenseits des Atlantiks, jenseits des 20. Jahrhunderts.

Über die Amerikafixierung des BRD Rock’n’Roll

Dort aber, auf der anderen Seite des Atlantiks, sangen Franzosen und Deutsche damals noch auf Englisch, wenn sie Rock machen wollen. Nicht alle: Gerade der Punk sollte das ändern, vor allem in der Bundesrepublik. Plötzlich gab es jede Menge Gruppen, die auf Deutsch sangen. Aber wer Rock ’n’Roll machen wollte und aus Hannover oder sonst woher kam, sang besser nicht auf Deutsch. Die Amerikafixierung des bundesrepublikanischen Rock ’n’ Roll hatte historische Gründe, die frühkindliche Prägung durch die Alliierten spielte da eine entscheidende Rolle. Aber sie brachte Schillerndes hervor, einen hybriden, ja globalisierten Stil, der zwischen den Sprachen schwebte, gebastelt aus dem Wörterbuch und dem Slang der angloamerikanischen Hits, an denen er sich orientierte, der aber – im Sinne des „Eigenen“, der „Identität“ – keinen Ort hatte, genau wie Albert Bierstadts Gemälde vom Watzmann im Yosemite Valley. Zu Hause in der Kunst, im Uneigentlichen, einem Wunschraum, in dem sehr viel möglich ist und ausprobiert werden kann.

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