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Europäer und Amerikaner : Mon Ami, go home!

Craft Beer kriegt man auch in Bamberg

Ändert sich das gerade, unter Trump? Den Cowboystiefelträgern aus dem Rhein-Main-Delta wird es vielleicht nicht mehr so leichtfallen, die amerikanische Fahne zu schwenken. Aber die Anverwandlung trägt eben nicht nur Stars and Stripes. Es geht auch alternativer: Die sogenannte „Craft Beer“-Bewegung ist jetzt ja auch in Deutschland angekommen. Sie war in den Vereinigten Staaten mal aus Notwehr entstanden: weil es die Brauereien dort einfach nicht schafften, ein gutes Bier zu brauen. Also machten sich die sogenannten „Microbreweries“ daran, ein Bier zu erfinden, das zwar anders als das deutsche schmeckt, aber dafür wenigstens nicht so schlimm wie Miller Lite.

Craft Beer in Washington: Es entstand in den Vereinigten Staaten aus Notwehr - weil es die Brauereien dort einfach nicht schafften, ein gutes Bier zu brauen.

Inzwischen kriegt man Craft Beer allerdings auch in Bamberg. Wo sich zwar schon seit ungefähr 1536 eine Microbrewery an die andere reiht, aber egal. Überhaupt wird in deutschen Innenstädten mit vielen Studenten und Bartträgern momentan das Modell „Brooklyn“ nachgelebt: mit dem wiederum in amerikanischen Innenstädten das kleinteilige, alte Europa imitiert wird: Kaffeehäuser, Metzgereien, Bäcker, Fahrräder, Kurzwarenläden, kleine Buchläden und Boutiquen, European sensibility und Bars, die „Berlin“ heißen. Und das alles jetzt also auch im Berlin ohne Anführungsstriche: Denn wir wollen das, was wir längst haben, nur ganz neu und mit amerikanischen Streifen, weil’s dann heller strahlt.

So was nennt man wohl ein produktives Missverständnis. Tatsächlich war der Wunsch, etwas nachzueifern, was man selbst nicht ist, aber sein möchte, immer schon gut für die Kunst. Weil sich dabei die Elemente verschieben und so Neues entsteht, unweigerlich. Die missglückte Anverwandlung ist eine optimistische Kraft – und jedes Mal, wenn irgendwo jemand nach „kultureller Identität“ schreit oder die Bewahrung des „Eigenen“ fordert, drehen sich Goethe und Truffaut in ihren Gräbern um.

Die europäische Handschrift ist in Amerika allgegenwärtig

Was man für ein Phänomen der Kunst halten könnte, für Mode, das hat aber einen politischen Kern: Die Bundeskanzlerin hat jetzt ja erklärt, dass „wir Europäer unser Schicksal wirklich in die eigene Hand nehmen müssen“, weil Trump so eine Enttäuschung ist. Es wäre aber nun ein sehr großer Irrtum zu glauben, aus Merkels Satz spräche ein Triumph der europäischen über die amerikanische Identität. Nicht nur, weil die eine aus der anderen erwachsen ist und beide Seiten leidenschaftlich in diesem Wechselspiel aus Identifikation und Abgrenzung miteinander verbunden sind: Jene europäischen Institutionen, die nun das „Schicksal“ in die Hand nehmen sollen, sind seit 1945 unter großem Einfluss und Druck der Amerikaner überhaupt erst geschaffen worden. Sie tragen die Handschrift Amerikas, so wie umgekehrt die europäische Handschrift allgegenwärtig ist in Amerika, in der Verfassung, in Hollywood, in Nachnamen. „Europa“ jetzt zu einer speziell europäischen und rein aus europäischen Traditionen entstandenen Spielart der Politik zu erklären, die halt nur wir können: Das bedient ein überhebliches, oft auch antiamerikanisches Bedürfnis nach einer Sonderrolle, die Europa längst nicht mehr besitzt. Der Westen wird sich eigentlich immer nur ähnlicher.

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