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Vom Wert digitaler Nutzerdaten : Europa: Das Virus, das Internet, der Sozialstaat

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Whatsapp und Co. als Fundgrube: Langsam rückt ein Teil der Gesellschaft ins Rampenlicht, dessen zentrale Funktion darin besteht, Daten über sich selbst zu produzieren. Bild: dpa

Digitale Nutzerdaten verwandeln Konsum in Arbeit. Dieser von Online-Plattformen generierte Mehrwert könnte dazu dienen, den Sozialstaat des 21. Jahrhunderts zu errichten.

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          Welche Verbindung besteht zwischen so unterschiedlichen Dingen wie einem Virus, dem Internet und dem Sozialstaat? Die erste Beobachtung ist recht offensichtlich: Ohne den Menschen kommt das Virus nicht weit. Es braucht unsere Hände und Füße, unsere Bedürfnisse und Wünsche, unsere Beweggründe, andere Menschen zu treffen. Wäre der Patient null ein Faultier gewesen, wäre es nicht zur Pandemie gekommen. Man hätte über Corona kein Wort verloren.

          Nun funktioniert aber auch das Internet wie das Virus. Es benötigt den Menschen, seine auf der Tastatur tippenden Hände, seine Bedürfnisse, Begierden oder auch seine Zeitnot. Wenn wir uns eine Welt ohne Menschen, aber mit Internet vorstellten, dann sähen wir dieselbe Welt – solange wir sie uns über Google Maps anschauten. Bei näherer Betrachtung würde aber deutlich: Die Wohnhäuser sind zum Unterschlupf für Tiere geworden oder wie die Pyramiden der Maya von der Vegetation überwuchert. In dieser Phantasiewelt blieben jedoch auch Handys, Bildschirme und ähnliche Geräte stumm, da sie den Faultieren, Bibern, Elefanten und selbstverständlich auch den Viren von keinerlei Nutzen wären.

          Zwischen Virus und Internet besteht jedoch auch ein grundlegender Unterschied. Das Virus gibt den Menschen nichts zurück. Im schlimmsten Falle bringt es den Tod. Das Internet hingegen gibt uns etwas zurück. Jeder von uns füttert das Internet mit Informationen, die es dazu verwendet, die eigenen Archive wachsen zu lassen und die Wirtschaft durch die Aufzeichnung des menschlichen Lebens zu automatisieren. Anhand des Wissens über die Bedürfnisse werden die Informationsflüsse optimiert. Im Gegenzug versorgt es uns mit meist kostenfreien Informationen und Dienstleistungen, auf die wir nicht mehr verzichten können, genauso wie das Internet nicht auf uns verzichten kann.

          Aufregung um unsere Privatsphäre

          Dass bei diesem Austausch ein Ungleichgewicht besteht, ist ein weitverbreiteter Eindruck. Aber er basiert auf irrigen Annahmen: Da ist die apokalyptische Idee, dass Maschinen an die Macht gelangen, was aber – wie wir an der sehr langen Technik- und Technologiegeschichte sehen – eine der unwahrscheinlichsten Möglichkeiten darstellt, zumal der Sinn und die Richtung dieses ganzen Herumtüftelns vom Menschen und nicht von Automaten ausgeht. Da ist die durchaus berechtigte Angst, dass sie uns die Arbeit wegnehmen. Man vergisst dabei, dass die Berufe, die verschwinden, diejenigen sind, die eigentlich niemand mehr gerne ausübt. Und es gibt schließlich die Befürchtung, dass das Internet uns unserer Privatsphäre beraubt.

          Die insgesamt 110 Kilometer aneinandergereihter Akten, die die Stasi über ihre DDR-Mitbürger zusammengetragen hat, sind ebenso vergessen wie Klatsch und Tratsch auf dem Dorf; aber wir sind in heller Aufregung um unsere Privatsphäre, während wir im selben Moment alle möglichen Dinge auf den sozialen Netzwerken posten. Die Furcht vor dem technologischen Golem, die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes oder die Angst vor dem „Großen Bruder“ verdeckt ein viel wichtigeres, aber weniger untersuchtes Phänomen unserer Zeit: den digitalen Mehrwert.

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