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Euro-Rettung : Systemwechsel: Der Fußball an der Macht

Im Fußball konnte Europa immer von seiner Kleinteiligkeit profitieren. Nur in der Politik sieht es so aus, als würden alle durcheinander laufen. Bild: Colourbox.com

Im Fußball hat Europa längst entwickelt, was seiner Politik noch immer fehlt: eine gemeinsame Idee. Sie kam von den Rändern und wird getragen von der Mitte.

          9 Min.

          Ach, Europa. Fürchtet das Endspiel des Euro. Fiebert dem Endspiel der Euro entgegen. Vierundzwanzig Tage lang wird der Kontinent vom Fußball regiert statt von der Politik, ist die Währung ein Ball, schmieden Viererketten die Stabilitätspakte. Fußball hat das Zeug, das schwierige Leben einfach zu machen, mal gewinnt man, mal verliert man, aber nach neunzig Minuten ist alles zu Ende, therapeutische Abwechslung zum ökonomisierten Alltag. Wenn es gutgeht, schenkt er, wie gelungene Sommerferien, einen entspannten Blick auf die Welt. Fußball als Urlaub Europas von sich selbst. So schwer wie diesmal war das noch nie.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Gesucht wird ein neues Erklärungsmuster, ein Sinnsystem, das einen Kontinent trägt. Eine heitere Erinnerung daran, was Europa uns sein kann. Sein könnte. Womöglich gibt der Fußball bei seinem Gipfeltreffen auf dem Platz ja eine Antwort, die sich auf den gefühlt allmonatlichen Gipfeln der Finanzpolitik bislang nicht finden ließ. Aber woher sollte die kommen - und von wem?

          Wie das Land so seine Mannschaft

          Von denen, die schon mal bessere Zeiten erlebt haben und nicht wissen, wo sie stehen? Portugiesen, Tschechen, Griechen natürlich. Von den Engländern? Seit sechzig Jahren Queen, seit sechsundvierzig nichts gewonnen. Den Dänen, die nur einmal richtig Party machten in Europa, als sie 1992 als Ersatz für Jugoslawien aus dem Urlaub zur EM kamen und sie gleich gewannen? Den Schweden, die nur 1958 für Aufruhr in Europa sorgten, als ihr hitziger, ruppiger Sieg im WM-Halbfinale bei den unterlegenen Deutschen saisonal antischwedische Stimmung machte? Gastwirte strichen damals „Schwedenplatten“ von der Speisekarte, Tankwarte verweigerten Richtung Süden durchreisenden Schweden Benzin.

          Die Franzosen, mit denen es schon einmal richtig Ärger gab? Das war nach Toni Schumachers Anschlag auf Battiston im WM-Halbfinale 1982, einem Sommer, in dem man als Deutscher in Frankreich ein wenig auf der Hut sein musste. Das ist längst vorbei, die bei der letzten WM blamierten Franzosen haben sich inzwischen ein wenig berappelt, mit neuem Führungspersonal wie im Élysée-Palast. Die Italiener eigentlich auch, aber dann war mal wieder Skandal, wurde ein Nationalspieler im Trainingslager verhaftet - eines dieser schlichten, aber höchst unterhaltsamen Schurkenstücke, vor denen man auf dem großen Fußball-Stiefel nirgendwo sicher ist. Nicht mal mehr im Vatikan.

          Dann sind da die listigen Kroaten, die erst noch nach Europa wollen, und die lustigen Iren, die sich endlich mal wieder dem Kontinent zugehörig fühlen können. Dazu die blassen Ukrainer und die undurchschaubaren Russen, die der Euro-Krise besonders schlau trotzen - das einzige Land, das seinen EM-Kader keine Euros verdienen lässt, nur Rubel im heimischen Riesenreich und dazu zwei, die in englischen Pfund entlohnt werden. Dann die Polen, die sich nicht in eine prominente Rolle drängen lassen, sich lieber still und verschmitzt etwas ausrechnen. Denn sie haben ihre Besten zum großen Nachbarn geschickt, Geld verdienen und etwas lernen, und hoffen nun auf einen polnischen Zins durch ihre drei deutschen Meister. Sogar die Niederländer, die sonst immer ihr eigenes Ding machten und das auch jedem sagten, sind zu einem pragmatischen, schweigsamen Stil übergegangen: nur nicht in den Vordergrund drängeln.

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