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EU-Osterweiterung : Die neue Physiognomie Europas

  • Aktualisiert am

Hana Andronikova, Tschechien Bild: Christian Thiel

Europa wird mit der Erweiterung "sein Gesicht verändern". Zu dieser Phrase staatsmännischer Rhetorik gibt es eine konkrete Entsprechung: Die neuen Mitglieder der EU werden in ihrer Individualität erst wahrnehmbar durch ihre kulturellen Repräsentanten.

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          Es heißt, Europa wird mit der bevorstehenden Ost-Erweiterung "sein Gesicht verändern". Zu dieser Phrase staatsmännischer Rhetorik gibt es eine konkrete Entsprechung: Die neuen Mitglieder der EU werden in ihrer Individualität erst wahrnehmbar durch ihre kulturellen Repräsentanten, durch die Künstler und Schriftsteller, die in ihren Werken bündeln, aber auch reflektierend brechen, was ihre Nationen bewegt. Jedes der neuen Mitglieder steht für einen ganz spezifischen historischen Erfahrungsraum, dessen Stimme sich auch im politisch zusammenwachsenden Europa zur Geltung bringen wird. Fest steht nur: Die vielbeschworene "kulturelle Dimension der Erweiterung" wird sich in der Begegnung mit dem einzelnen vollziehen.

          Die Erwartungen an einen auch kulturellen Austausch sind riesig und können somit wohl nur enttäuscht werden. Der Fluß der Übersetzungen und Gespräche über Sprachgrenzen hinweg folgt anderen Gesetzen als jenen von Angebot und Nachfrage. Es kommt stets auf einzelne Vermittler an, denen wie beispielsweise einem Karl Dedecius für Polen oder einem Peter Urban für Rußland eine besondere Präsenz solcher Literaturen im deutschen Sprachraum zu verdanken ist. Vor allem für die kleinen Länder des Baltikums oder des Balkans ist vieles erst noch zu leisten; den Mittelmeerraum nicht zu vergessen - Maltesisch etwa wird von lediglich 400 000 Menschen gesprochen.

          Diese Seite versammelt die Stimmen von 14 europäischen Schriftstellern. Manche wie der Pole Andrzej Stasiuk oder der Ungar László Darvasi sind hierzulande schon mit ihren Werken präsent; andere wie die Lyriker Kornelius Platelis aus Litauen oder Tomaz Salamun aus Slowenien nur einem winzigen Zirkel von Enthusiasten ein Begriff. Viele der jüngeren warten noch auf ihr erstes Buch in deutscher Übersetzung. Die Auswahl ist natürlich bis zu einem Grad beliebig. Sie soll auch deutlich machen, daß die neuen Grenzen der EU mit den kulturellen Grenzen nicht kongruent sind: Otto Tolnai, der zur ungarischen Minderheit in Serbien gehört, fühlt sich nun in zwei Teile gespalten. Für die in Wien lebende Kroatin Rujana Jeger rückt Ljubljana näher, die Freunde in Zagreb aber entfernen sich weiter. Und der Ukrainer Jury Andruchowytsch, der dem Mythos Mitteleuropa vielbeachtete Essays widmet, braucht plötzlich ein Visum, wenn er den polnischen Teil Galiziens besuchen will.

          Eines aber machen diese Stimmen zur EU-Osterweiterung deutlich: Was aus westlicher Sicht als Schritt auf historisches Neuland erscheint, ist für die Beitrittsländer eine Rückkehr zur Normalität. Der 1. Mai ist da kein Abschluß, sondern ein Auftakt.

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