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Gründervater Robert Schuman : Sankt Politicus

  • -Aktualisiert am

Der damalige französische Außenminister Robert Schumann während einer Vertragsunterzeichnung am 18. April 1950 Bild: AP

Er gilt als Gründervater der Europäischen Union. Vor dem Sündenfall des Jahrhunderts aber war er nicht gefeit. Jetzt steht der französische Politiker Robert Schuman vor der Seligsprechung.

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          Er wäre lieber Priester geworden, früh hatte der als „Reichsdeutscher“ geborene Robert Schuman Vater und Mutter verloren. Nach dem Ersten Weltkrieg kam Metz, wo er 1913 dem Deutschen Katholikentag präsidiert hatte, wieder zu Frankreich. Schuman wurde Franzose mit deutscher Muttersprache. Ein Geistlicher überzeugte ihn davon, dass er Gott in den Niederungen der Politik besser dienen konnte als im Kloster. Die Trennung von Kirche und Staat lag ein gutes Jahrzehnt zurück, die Beziehungen waren gespannt. Schuman wurde in die Nationalversammlung gewählt. Dass im Elsass und in Lothringen noch immer das zwischen Napoleon und dem Papst geschlossene Konkordat gilt, ist auch sein Verdienst. Sein ganzes Leben lang blieb Schuman gottesfürchtig, Junggeselle, bescheiden und demütig.

          Vor dem Sündenfall des Jahrhunderts aber war er nicht gefeit. Er gehörte zu den Abgeordneten, die Philippe Pétain an die Macht brachten, eine kurze Zeit lang diente er ihm gar als Regierungsmitglied. Später wurde er von der Gestapo verhaftet. Nach sieben Monaten Gefängnis in der Pfalz konnte er fliehen und sich in südfranzösischen Klöstern verstecken. Nach seiner Verurteilung als Kollaborateur intervenierte der Vatikan bei Charles de Gaulle. Der Christdemokrat Schuman wurde Minister – auch Premierminister – mehrerer Regierungen der Vierten Republik. Die Begründung der „Montanunion“ – mit dem Zusammenlegen der deutschen und französischen Produktion von Kohle, Eisen und Stahl – war ein politischer Geniestreich und wurde zur Geburtsstunde der EU. Von der Verkündung anlässlich einer Pressekonferenz am 9. Mai 1950 gibt es weder Fotos noch Tonaufnahmen.

          Das Europa-Parlament, dessen erster Präsident er war, erklärte Schuman zum irdischen „Vater Europas“. Seit seinem Tod 1961 streben seine Anhänger die Seligsprechung an. Sie gründeten in Metz ein „Institut Saint-Benoît“ und schickten 150 Kilo Akten nach Rom: Schuman war reuig und schnell aus der Regierung Pétain zurückgetreten. Endlich hat der Papst gesprochen: Schuman ist ein „Ehrwürdiger Diener Gottes“ – der erste Schritt zur Selig- und Heiligsprechung vollzogen. In Brüssel, wo die Eurokraten den 9. Mai längst als „Saint Schuman“ begehen, erhofft man sich eine Rückkehr zum kühnen Geist der Pioniere. Eine Renaissance des Aufbruchs.

          Aber Märtyrer war Schuman denn doch nicht. Deshalb setzt seine Heiligsprechung ein Wunder voraus. Als solches können auch nicht gläubige Bürger die unglaubliche Geschichte von der deutsch-französischen Versöhnung verstehen. Siebzig Jahre Frieden hat es Europa beschert. Seit König Ludwig IX. ist – Irrtum vorbehalten – kaum ein französischer Politiker heiliggesprochen worden. Auch in Paris hören sie die überraschende Botschaft von Papst Franziskus: Es gibt nicht nur Zyniker und Ideologen in der Politik, sondern Idealisten, die sie als Dienen verstehen. Es ist die gute Nachricht dieses Sommers. Am Wochenende hat Emmanuel Macron Lourdes besucht. Als erster Präsident der Fünften Republik.

          Jürg Altwegg
          Freier Autor im Feuilleton.

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