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Kulturvermittlung : Carola Lentz wird Präsidentin des Goethe-Instituts

Die Ethnologin Carola Lentz übernimmt die Leitung des Goethe-Instituts. Bild: Picture-Alliance

Mit Carola Lentz wird das Goethe-Institut ab sofort von einer Ethnologin geleitet. Ihre Biografie und ihre kommunikative Art lassen auf neue Impulse für aktuelle Debatten hoffen.

          2 Min.

          Wenn Carola Lentz am kommenden Freitag als Nachfolgerin von Klaus-Dieter Lehmann ihr Amt als Präsidentin des Goethe-Instituts antritt, weiß sie ungefähr, worauf sie sich einlässt: Sie repräsentiert das weltweit tätige Kulturinstitut der Bundesrepublik Deutschland, eine Behörde mit 157 Vertretungen in 98 Ländern, davon zwölf Standorte innerhalb der eigenen Landesgrenzen.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Ein Werdegang, wie ihn die emeritierte Ethnologin der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und Germanistin, Jahrgang 1954, zu bieten hat, scheint da eine gute Voraussetzung: vier fließend gesprochene Sprachen, lange Auslandsaufenthalte von Jugend an, Fellowships und Forschungsstipendien in den Vereinigten Staaten (Harvard), in Frankreich, Südafrika, den Niederlanden, am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle und am Wissenschaftskolleg Berlin. Dazu eine offene, engagierte und kommunikative Art, die das auf eine Stunde festgesetzte Interview im Berliner Hauptstadtbüro verdoppelt.

          Ein Blick auf die Vorgänger im Amt, Jutta Limbach (2002 bis 2008) und Klaus-Dieter Lehmann (2008 bis 2020), zeigt die Vielfalt der Profile, aber auch unverwechselbaren persönlichen Stil. Limbach brachte ihr Renommee als oberste Bundesverfassungsrichterin und ihr zivilgesellschaftliches Engagement mit, Lehmann seine gesammelte Erfahrung als Generaldirektor der Deutschen Bibliothek Frankfurt am Main und Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Für Carola Lentz sind der ethnologische Blick und die Suche nach dem Verbindenden nahezu eins. Es fasziniert sie, „die Selbstverständlichkeiten der eigenen Gesellschaft und der eigenen Lebensweise von einem ferneren Standpunkt aus zu betrachten“. Deswegen wird ihr das Multilaterale wichtiger sein als das Bilaterale.

          Erinnerung kann inspirieren

          Es gab einmal ein Goethe-Projekt mit dem Namen „Burden of Memory“. Eine sehr deutsche Idee, meint Lentz, und angesichts unserer Geschichte nicht überraschend. Doch Erinnerung müsse keine Last sein; sie könne auch inspirieren und beflügeln, dann nämlich, wenn Familien oder auch Nationen aus ihrer vergegenwärtigten Vergangenheit Kraft für die Zukunft schöpften.

          Zur Restitutionsdebatte bemerkt Carola Lentz, deren Bücher von der nationalen Gedenkkultur afrikanischer Länder handeln, es sei doch ein schöner und utopischer Gedanke, dass ein Akt des Wiedergebens „Verbindung stiften, nicht Verbindung beenden“ könne. Deshalb sei die Geschichte eines Kunstwerks mit der Rückgabe nicht erledigt; vielmehr gelte es dann erst recht, seine komplexe „Objektbiographie“ zu erforschen.

          In einem befremdlichen Kommentar für einen Blog hat der „Welt“-Kolumnist Alan Posener gefragt, warum angesichts der erklärten Ziele des Goethe-Instituts „ausgerechnet Carola Lentz“ zur neuen Präsidentin gewählt worden sei. Womöglich wünscht sich Posener höhere leitkulturelle Ziele. Es gebe „viele engagierte junge Frauen“, schreibt er, „denen das ursprüngliche Anliegen des Goethe-Instituts eine Herzensangelegenheit wäre. Aber nach ihnen hat man offenkundig erst gar nicht Ausschau gehalten.“ Hier liegt eine Recherchelücke vor. Das operative Geschäft des Goethe-Instituts betreibt Generalsekretär Johannes Ebert. Die Präsidentin dagegen bekleidet ein Vollzeit-Ehrenamt. Sie bezieht kein Gehalt, sondern nur eine Aufwandsentschädigung. Sollte es für diese Aufgabe „viele engagierte junge Frauen“ mit dem Herzen auf dem rechten Fleck geben, müssten sie steinreich sein, um diese Aufgabe zu übernehmen. Und das sollte kein Einstellungskriterium sein.

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