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Esskultur : Kochen, Alter, kochen!

Beim „Street Food Thursday“ in Kreuzberg: Pastrami Sandwich von Mogg & Melzer. Bild: Pein, Andreas

Warum fotografieren wir unser Essen und wollen uns ernähren wie unsere Vorfahren aus der Steinzeit? Der Stoffwechsel wird zum Medium der Sinnstiftung, das Denken haftet am Tellerrand. Ein Nachschlag zur Küchenphilosophie

          6 Min.

          Ich habe es auch schon getan. Und nicht nur einmal. Ich habe mein Essen fotografiert und das Bild dann an Freunde verschickt. Ich hatte mich so gefreut darüber, dass die Auberginen und die Granatapfelkerne und die Buttermilchsauce exakt so aussahen wie in dem Kochbuch, das jetzt alle haben. Neulich stand ich dann in einem Weingeschäft, und eine andere Kundin erzählte dem Besitzer, dass sie die Saucen aus diesem Kochbuch, das jetzt alle haben, auch schon mal mit Fleisch kombiniere, obwohl sie ja eigentlich für vegetarische Gerichte gedacht sind.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Da habe ich mich eingemischt und gesagt, dass ich mir das gut vorstellen könnte, weil das ja wirklich sehr gute Saucen seien. Auf dem Heimweg sauste mir dann eine Suppenkelle voll Scham auf den Kopf, da habe ich mich dann doch gefragt, was genau jetzt eben mein Problem gewesen ist - ich gebe vor fremden Leuten mit Essen an?

          Bloggen. Über ihr Essen. Mit Fotos.

          Aber ich bin nicht allein. Auch wenn das kein Trost ist. Die sozialen Medien sind voller Bilder, auf denen einen superniedlich angebissene Muffins anstrahlen oder der Saft nur so aus spektakulären Hamburgern tropft, oder irgendjemand hat die Süßkartoffel für sich entdeckt, oder Quinoa - wie konnte ich nur jahrelang ohne leben?

          Und so strahlen einen im Netz Fotos von Quinoa an, irgendwas zwischen Reis und Hirse übrigens. Dann gibt es ja auch noch das sogenannte Trendgemüse Kale, sprich Kejhl, was nichts anderes ist als aus Amerika rückimportierter Grünkohl. Der wird jetzt aber, statt ihn erst norddeutsch mit aller Gewalt zu zerkochen und dann unter Schweinebauch und Würsten zu begraben, in Olivenöl gewendet und im Ofen zu Chips gebacken. Oder man mariniert ihn und mischt ihn als Salat unter Kichererbsen. Ich muss, wann immer ich von Kale lese, an einen Cartoon des Bachmannpreisträgers Tex Rubinowitz denken, wo zwei Typen vor einem Busch stehen, und der eine fragt: „Ist das Gestrüpp schon gelabelt?“ Und der andere antwortet: „Das ist Ginster, Alter, Ginster!“

          Essen auf der Straße ist in. Restaurants und die Konventionen der Genießer gelten dagegen als spießbürgerlich.
          Essen auf der Straße ist in. Restaurants und die Konventionen der Genießer gelten dagegen als spießbürgerlich. : Bild: Pein, Andreas

          So lautet also die Parole: Kale, Alter, Kale. Und Quinoa. Und Zatar: Das ist eine orientalische Gewürzmischung, ohne die man ziemlich aufgeschmissen ist, wenn man die Gerichte aus dem Kochbuch ausprobieren will, das jetzt alle haben: Es heißt „Plenty“ (zu Deutsch: „Genussvoll vegetarisch“) und stammt von Yotam Ottolenghi, geboren in Jerusalem, Besitzer eines Restaurants und mehrerer Imbisse in London. Blogger ist er natürlich auch, aber das tun sie ja alle. Bloggen. Über ihr Essen. Mit Fotos.

          Kochen zeugt von Stil und Geschmack

          Das erste Mal habe ich von „Plenty“ in einem Artikel von Jane Kramer gelesen. Das ist eine amerikanische Journalistin, die früher über alles mögliche berichtet hat, Politik, Kultur, Wagner, Rechtsradikale, seit einiger Zeit aber eigentlich nur noch übers Kochen schreibt. Bei ihrem ehemaligen Kollegen Bill Buford wiederum - großer Literaturkritiker, genialer Reporter - ist es genauso: Der hat sich sogar zum Koch ausbilden lassen. Und dann darüber geschrieben („Hitze“). Und alle warten jetzt auf sein neues Buch, über französische Küche. Ich auch.

          Es spricht viel dafür, dass Kochen das derzeit avancierteste Unterscheidungsmerkmal der westlichen Gegenwart ist. Wer kocht, hat nicht unbedingt Hunger, sondern vor allem Geschmack. Und weil Geschmacksfragen nicht ohne Wettbewerb abgehen, wie der französische Soziologe Pierre Bourdieu nachgewiesen hat, ist die Suche nach dem neuesten Rezept, dem exotischsten Gewürz oder dem Gemüse, das alltäglich ist, aber aus seiner Alltäglichkeit befreit und umcodiert wird, ist die Suche nach dem ungelabelten Ginster also die aktuelle Hauptaufgabe der Bewusstseinsindustrie, die wir selber sind.

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