https://www.faz.net/-gqz-8d9fp

Essen : Etwas Aufgewärmtes braucht der Mensch

Nicht nur am Rosenmontag wird in Deutschland Essen weggeworfen: 18 Millionen Tonnen sollen es im Jahr sein. Bild: dpa

Reste essen: Mag nicht jeder. 18 Millionen Tonnen Nahrungsmittel werfen die Deutschen pro Jahr weg. Das ist nicht nur skandalös, das ist auch dumm: Denn wer aufwärmt, ist souverän und autonom.

          Karneval ist die Zeit, in der unter großem Jubel Essen weggeworfen wird, im hohen Bogen fliegt es auf die Straße, und wenn es keiner fängt, bleibt es dort liegen und wird am Ende weggefegt. Aber wer mag schon Bonbons? (Beziehungsweise Kamellen?)

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Eine Studie aus dem vergangenen Sommer hat gezeigt, dass die Deutschen jährlich mehr als 18 Millionen Tonnen Essen in den Müll schmeißen, das ist der reinste Wahnsinn natürlich, zum Heulen, fürchterlich – dabei gibt es so viel, was durchs Aufwärmen so viel besser wird: nicht nur deutsche Winterküche oder Gulasch, auch Lasagne zum Beispiel, die eine Nacht stehen muss, um richtig gut zu werden.

          Andererseits schmeckt kaum etwas so aufgewärmt wie aufgewärmte Spaghetti, typische Hüttenerfahrung, das geht eigentlich nur, wenn auch die Skisocken aufgewärmt sind, am besten den dritten Tag hintereinander.

          Es gibt Leute, die essen überhaupt keine Reste, erst recht nicht aufgewärmt. Und dann gibt es Leute, die essen Reste am liebsten kalt. Und wieder andere Leute essen Brot vom Vortag, auch wenn frisches da ist, sie tun das, damit das alte nicht noch älter wird, wobei dann natürlich das frische Brot liegen bleibt und am nächsten Tag ebenfalls alt ist, was ja irgendwie auch keinem hilft, nur dem, der sich geopfert hat, das alte Brot zu essen, der fühlt sich besser, was kindisch ist, am Ende war er einfach nur zu blöd, richtig einzukaufen, verwechselt das aber mit moralischer Überlegenheit.

          Und vor allem gibt es Leute, die trauen einem aufgedruckten Datum mehr als ihren eigenen Geschmacksnerven. Das ist das Traurigste überhaupt – denn Essen kann einem eigentlich schon immer sehr genau mitteilen, ob es noch geht oder nicht. Ein Bissen, ein Schluck, und man weiß ja, woran man ist (wenn man nicht gerade ahnungslos Pilze sammeln gegangen ist oder im eigenen Aquarium geangelt hat).

          Je näher man sich selbst seinem Mindesthaltbarkeitsdatum nähert, desto besser kennt man sich zudem aus, weswegen Resteessen auch etwas mit Lebenserfahrung zu tun hat, in jedem Fall: mit Autonomie und Souveränität. Natürlich steht kein Mensch am Herd, rührt im Rotkohl von vorgestern und denkt so ein Zeug, man denkt vielleicht, wie viel süßer und wärmer er mit jedem Tag wird. Aber wenn man es weiß, schmeckt es noch ein kleines bisschen besser.

          Weitere Themen

          Das zünftige Bierfestival in Qingdao Video-Seite öffnen

          Oktoberfest in China : Das zünftige Bierfestival in Qingdao

          Im chinesischen Qingdao findet das größte Bierfestival Asiens statt, bis zu sechs Millionen Besucher strömen in die Hafenstadt. Sie feiert damit auch ihr koloniales Erbe, für sechzehn Jahre lang war sie eine deutsche Kolonie.

          Topmeldungen

          Rentenangleichung : Das Märchen von der Armut

          Bald werden die Renten im Osten denen im Westen gleichgestellt sein. Manchen gilt das als Vollendung der deutschen Einheit. Es hat aber auch seine Tücken.

          Vegane Ernährung : Arbeit ohne Heiligenschein

          Immer mehr vegane und vegetarische Lebensmittel kommen auf den Markt. Um sie herum gibt es jede Menge Berufe. Wie ideologisch muss man sein, um in der Branche klarzukommen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.