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Eskalation in der Ukraine : Muss die Welt wirklich keine Angst vor Russland haben?

  • -Aktualisiert am

Am 7. April, zu „Mariä Verkündigung“, ließ Patriarch Kirill weiße Tauben aufsteigen. Doch durch Moskau fliegen noch ganz andere Verkündigungen. Bild: dpa

Im Osten der Ukraine wird geschossen, in Moskau herrscht blinder Hurrapatriotismus. Kritische Stimmen haben dagegen kaum eine Chance.

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          Dmitri Bykow, der stets freundliche, zu Scherzen aufgelegte Schriftsteller und Blogger, ist die Seele der russischen Publizistik. An dem schon durch seine runde, gemütvolle Erscheinung Lebensbejahung ausstrahlenden Bykow perlt die hurrapatriotische Hysterie, die sich derzeit aus den Staatsmedien ergießt, ab wie Schneeregen am Pelz eines Schlittenhunds. Als er jüngst die ostukrainische Stadt Charkow besuchte, die sich in ihrer fast phlegmatischen Ruhe merklich vom nur vierzig Kilometer weiter östlich gelegenen Russland unterschied, witzelten die Leute dort, so erzählt Bykow, dass er gar keine Angst vor ukrainischen Bandera-Nationalisten habe.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Unter seinen Zuhörern hielten die Befürworter von Kiewer beziehungsweise Moskauer Machtansprüchen auf die Region sich etwa die Waage, schätzt der Russe. Doch für einen „Anschluss“ an Russland würden dort maximal fünfzehn bis zwanzig Prozent stimmen. Was nichts mit den vielbeschworenen Aversionen gegen die russische Sprache zu tun habe, die das Leben und die Kultur beherrscht. Die Leute könnten nur bisher nicht erkennen, welche Entwicklungsperspektiven sich mit dem Kiewer Staat verbinden. Im Gegensatz zum Moskauer Staat, über dessen Entwicklungsperspektiven, wie der Literat anmerkt, leider längst keine Zweifel mehr bestehen.

          Marschmusik in der Metro

          In Charkow sei er fest überzeugt gewesen, dass es niemals gelingen könnte, Ukrainer und Russen miteinander zu verfeinden, bekennt Bykow. Die russische Annexion der Krim betrachtet er philosophisch humorvoll. Seine Landsleute, deren imperiale Ideen in der Vergangenheit übernational gewesen waren, seien als Nation noch jung, erklärte Bykow dem Publikum von „Echo Moskwy“. Ihr derzeitiger Anfall aggressiven Nationalismus’ sei eine Pubertätskrise, wie sie alle zivilisierten Länder, ob Deutschland, ob Japan, ob Skandinavien und selbst Amerika mit seinem Ku-Kux-Klan hätten durchmachen müssen. Die Versuchungen, mittels Randale seinen Willen durchzusetzen, Mitmenschen zu bedrohen, sie gar als Verräter zu brandmarken, seien leider universell. Umso wichtiger sei es jetzt, findet Bykow, dass die „erwachsene“ Welt vor Russland nicht erschrickt, sondern es in die Schranken weist.

          Moskau wirkt in diesen frühlingshaften Tagen unverändert. Neu ist nur, dass in der Metro fröhliche Marschmusik gespielt wird. An Hochschulen und Betrieben sollen paramilitärische Sport- und Gymnastikstunden eingeführt werden. Die Volksgesundheit kann das brauchen. Die meisten Hauptstädter, die Freunde und Verwandte in der Ukraine haben, freuen sich mit den Bewohnern der Krim über die „Wiedervereinigung“. Beispielsweise die Filmemacherin Jelena Rasdorskaja, die als Halbukrainerin in Charkow aufwuchs. Sie sei in ihrer Ausbildung vor die Wahl gestellt worden zwischen russischer Dramatik und ukrainischer, erinnert sich Frau Rasdorskaja, die, da letztere eine traurige Mischung aus Rotz und Zucker darstelle, wie sie es ausdrückt, sich selbstverständlich für die universale russische Kultur entschied.

          Der Kreml gegen die Oligarchen

          Vom Leiter des Intellektuellen-Verlages „Ad marginem“, Alexander Iwanow, erfährt man, dass sich für ihn und seine auch sozial links stehenden, vergleichsweise bedürfnislosen Autoren durch die Krim-Krise buchstäblich nichts ändere. Ukrainer und Russen, die bei Iwanow veröffentlichen, gingen nach Europa, kämen meistens aber auch zurück. Die jüngsten staatlichen Attacken auf liberale Medien wie den Fernsehkanal „Doschd“ oder das Nachrichtenportal „Lenta“, richteten sich vor allem gegen mit dem Kreml vernetzte Oligarchen, die oppositionelle Journalisten für ihre Arbeit großzügig entlohnten und damit gegen die ungeschriebene Regel verstießen, wonach mit Öl und Finanzspielen, also durch Privilegien verdientes Geld, nicht Systemkritiker auf Mittelklasseniveau gehievt werden sollten, weiß der Verleger.

          Abhängig Beschäftigte müssen, so die Staatsraison, sich für einen von zwei Genüssen entscheiden: entweder die komfortable Lebensweise mit den dazugehörigen Luxussorgen, in dieser Saison etwa der Furcht vor den Folgen des Verzehrs von Gluten-Kohlehydraten, oder aber das mit Armut zu bezahlende Vergnügen, die Machtstrukturen medial zu tadeln.

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