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Eskalation am Humboldtforum : Moral und Kulturbesitz

Reine Zukunftsmusik? Das Humboldtforum braucht eine Provenienzstelle als festen Bestandteil der Dauerausstellung. Bild: dpa

Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy kehrt dem Humboldtforum den Rücken. Das Gremium, aus dem sie ausgetreten ist, spricht von ersten Projektergebnissen. Das Forum braucht aber auf lange Sicht eine Provenienzstelle.

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          Die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy hat ihren Austritt aus dem Expertenbeirat des Humboldtforums erklärt. Nein: Sie hat ihn herausgebrüllt. In der jetzigen Form habe das Projekt „keine Chance“, seine Museen wären „besser in Dahlem“ geblieben, sagte Savoy in einem Interview der „Süddeutschen Zeitung“. Das Humboldtforum sei „wie Tschernobyl“, weil es seine Malaisen wie „Atommüll“ unter einer Bleidecke begrabe. Bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der Herrin der beteiligten Museen, herrsche „totale Sklerose“. Zudem trage sie den falschen Namen. „Kultur ist nicht Besitz von Preußen.“

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Es gibt Diskussionsbeiträge, die die Tür hinter sich zuschlagen. Bei Bénédicte Savoy kommt dazu, dass sie von den zwei Sitzungen des Gremiums, aus dem sie ausgetreten ist, nur eine, die erste, wahrgenommen hat. Die zweite Sitzung, die im April dieses Jahres stattfand, muss ein Erfolg gewesen sein, sie habe „nachhaltige Gespräche“ und „erste Ergebnisse“ gebracht, wie die drei Gründungsintendanten in einer eilig verfassten Presseerklärung mitteilten.

          Kein weiteres Mitglied des Beirats, dem unter anderen der Philosoph Anthony Appiah und der Kulturhistoriker Jyotindra Jain angehören, ist ausgetreten. Und bei den Dahlemer Kuratoren, die die Räume im Humboldtforum gestalten, werden, so hört man, die Reihen geschlossen; die Fundamentalkritik Savoys hat einen Prozess der Selbstvergewisserung angestoßen, der dem Projekt sogar nützen könnte.

          Savoys Austritt wirft wichtige Fragen um Objektherkunft auf

          Trotzdem darf man den Eklat nicht so rasch zu den Akten legen, wie es die Stiftung Humboldtforum auf ihrer Website tut, von der die Expertin Savoy schon am Tag nach ihrer Demission gelöscht war. In den reflektierteren Passagen ihres Statements legt Bénédicte Savoy den Finger in eine Wunde, die das Humboldtforum noch lange nach seiner Eröffnung schmerzen wird. Es ist die ungeklärte Herkunft der Objekte aus Asien, Afrika, Nord- und Südamerika, die im Berliner Schloss ausgestellt werden sollen. Vermutlich stammen die wenigsten von ihnen aus fairen und gerechten Transaktionen.

          Zwar dürfte nur ein Bruchteil in der kurzen deutschen Kolonialzeit zwischen 1880 und 1914 aus afrikanischen und pazifischen Beständen geraubt, erpresst, ergaunert oder auch, wie einige der berühmten Südseeboote aus Dahlem, vor der Zerstörung gerettet worden sein. Ein viel größerer Teil aber hat in den Jahrhunderten der europäischen Dominanz über die Länder der südlichen und die Urvölker der nördlichen Hemisphäre den Besitzer gewechselt. Ihre Sammler waren keine Kolonialisten, aber Nutznießer des Kolonialismus. Der Verbleib solcher Kunstwerke in westlichen Museen ist deshalb keine Selbstverständlichkeit, er muss mit den Herkunftsländern ausgehandelt werden. Vor dieser Aufgabe stehen derzeit alle ethnologischen Sammlungen. Für das Humboldtforum freilich ist sie keine Alltags-, sondern eine Existenzfrage.

          Denn dieses Riesenspielzeug der Bundeskulturpolitik erhebt mit der Ankündigung seiner Initiatoren, „der Welt die Welt erklären“ zu wollen, einen gewaltigen moralischen Anspruch. Die Gleichwertigkeit der Kulturen, die von der Realgeschichte ignoriert wurde, soll von deutschen Museumsleuten wiederhergestellt werden. Damit wird die Provenienzforschung in der Tat „zur DNA“ des Projekts, wie die Intendanten sagen. Die Kampagne „No Humboldt 21“, ein Bündnis verschiedener kultureller Initiativen, hat bereits ein Moratorium gefordert, um die Vorgeschichte aller Exponate zu ergründen. Dazu wird es nicht kommen, aber es ist klar, dass die Eröffnung des Humboldtforums nur eine Etappe auf dem Weg zur Einlösung seines vollmundigen Versprechens sein wird. Wer die Weltkulturen erklären will, muss auch seine Besitzrechte an ihnen klären. Das kann Jahrzehnte dauern.

          Ein Weiterwursteln genügt nicht

          Die drei Intendanten und ihre politische Chefin, die Kulturstaatsministerin, haben jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder schalten sie auf stur und machen sich damit zur Zielscheibe ebenjener Kulturwissenschaftler und Kuratoren der außereuropäischen Welt, auf deren Sympathie und Mitarbeit das Projekt auf Dauer angewiesen sein wird. Oder Monika Grütters richtet eine Provenienzstelle für das Humboldtforum mit eigenem Etat ein, deren Arbeit sich nicht hinter den Kulissen abspielt, sondern fester Bestandteil der Dauerausstellung ist.

          Es genügt nicht, die mit dem Umzug ins Berliner Schloss ohnehin überstrapazierten Dahlemer Museen im bisherigen Rahmen weiterwursteln zu lassen oder Kooperationsverträge mit afrikanischen Universitäten zu schließen, wie es Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, im Herbst in der ehemaligen deutschen Kolonialhauptstadt Daressalam getan hat. Die andere Seite, die zum Dialog der Kulturen gehört, braucht auch hier ein sichtbares Zeichen: ein Gesprächsangebot. Dies könnte es sein.

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