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Erwin Geschonneck wird 100 : Mann im Osten

Als bitterkomischer Meister Karl in „Bankett für Achilles” Bild: ddp

Die Liste der Rollen des großen Schauspielers Erwin Geschonneck ist endlos, die Biographie so exemplarisch wie unglaublich. Berlin feiert den hundertsten Geburtstag des wohl populärsten Schauspielers des Ostens mit zahlreichen Ausstellungen.

          3 Min.

          Erwin Geschonneck hat in über hundert Filmen mitgespielt, darunter in Klassikern wie „Karbid und Sauerampfer“, „Nackt unter Wölfen“, „Jakob, der Lügner“, „Das Beil von Wandsbek“, „Sonnensucher“ oder in dem Defa-Märchen „Das kalte Herz“. In den zwanziger Jahren begann seine Theaterkarriere: in Agitprop-Gruppen und Erwin Piscators „Junger Volksbühne“. Seine letzte Rolle spielte er im Alter von 88 Jahren, in „Matulla & Busch“, urkomisch und urberlinisch; sein Sohn Matti führte die Regie.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Kurz nach dem Krieg engagiert ihn Ida Ehre an die Hamburger Kammerspiele, 1949 holen ihn Brecht und Helene Weigel ans Berliner Ensemble, mit Puntilas Knecht Matti wird Erwin Geschonneck berühmt. In den achtziger Jahren besetzt ihn Heiner Müller in „Lohndrücker“, als das Stück nach langer Eiszeit wieder aufgeführt werden darf. Dazwischen vor allem Filme, von denen einige lange in die Tresore der Zensoren verbannt worden waren.

          Populärster Schauspieler des Ostens

          Die Liste seiner Rollen ist endlos, die Biographie dieses großen Schauspielers so exemplarisch wie unglaublich - ein ganzes deutsches Jahrhundert, das die Akademie der Künste in Berlin heute, an seinem hundertsten Geburtstag gebührend feiert, mit Filmen, Lesungen, Festreden und einer Ausstellung im Haus am Pariser Platz. Es ist nur eine von drei Ausstellungen in Berlin, Geschonnecks Heimatstadt seit siebenundneunzig Jahren.

          Hoch soll er leben: Erwin Geschonneck wird hundert Jahre alt

          Die zweite ehrt den wohl populärsten und bewundertsten Schauspieler des Ostens in einem schwer aufzufindenden Raum der Markthalle am Alexanderplatz. Im Viertel dahinter, in der Ackerstraße, ist er aufgewachsen, in einer sehr anderen Zeit, an die heute nur noch die aufgehübschten Fassaden der alten Häuser erinnern. Zwischen einem Discounter und einem Schnellrestaurant eingeklemmt, im Obergeschoß dieser immer noch sehr verkramten Berliner Markthalle, feiern seine Freunde den „Jahrhundert-Geschonneck“. Keine perfekte Dokumentation, manchmal holpern die Bildunterschriften, aber die alten Frauen mit den Einkaufstaschen und die alten Männer vor den Bildern erkennen in ihnen das, was sie suchen: einen der Großen, der immer Verehrten aus ihrem Leben, dessen Gewißheiten im Nebel der Vergangenheit verschwunden sind.

          Unangepaßter Charakterschauspieler

          Erwin Geschonneck wurde in Bartenstein in Ostpreußen geboren, nur zwei seiner fünf Geschwister überleben die Armut der Familie; die Mutter stirbt an Schwindsucht, als er zwei Jahre alt ist. Frank Hörnigk beschreibt den Vater in seiner soeben erschienenen, reich bebilderten und klugen Geschonneck-Biographie (“Erwin Geschonneck - eine deutsche Biographie“, Verlag Theater der Zeit) als einen „alles beherrschenden ,Proleten'-Vater“, der dem Sohn die Lehre verweigert und ihn zwingt, bei einer Bank als Bürobote zu arbeiten, verbunden mit der lächerlichen Hoffnung, er schaffe es so bis zum Bankdirektor.

          Die Inflationsjahre übersteht Geschonneck als Dreiradfahrer, Fahrstuhlführer, Hilfstischler beim Zirkus, Hausdiener, Fotomodell für eine Hutserie in „Scherls Magazin“ (eine Charakterstudie vom Feinsten), er tritt in Tucholskys Rotem Kabarett auf und in „Kuhle Wampe“, dem Film von Slátan Dudow, Brecht und Hanns Eisler, als Statist. Sein Bruder Bruno entflieht der Armut ins Freikorps, wird später Nazi, verleugnet den Bruder und lebt angepaßt bis an sein Ende. Erwin Geschonneck wird Kommunist, überlebt knapp sechs Jahre Konzentrationslager. Und paßt sich nie an; auch nicht in der DDR, wo er zu den Ausnahmekünstlern gehört, die sich den Widerspruch leisten, den sie sich leisten können. Ein Charakterschauspieler, auf dessen Integrität sich auch die Gedemütigten und Gemaßregelten verlassen können.

          Britischen Bombenangriff überlebt

          1933 floh Geschonneck mit jüdischen Schauspielerkollegen nach Polen, wurde verhaftet, in die Tschechoslowakei abgeschoben und floh weiter, nach Moskau. 1938 gerät er ins Fadenkreuz des NKWD, der ihn nach Deutschland ausliefern will. Freunde intervenieren, in diesem seltenen Fall mit Erfolg, er darf nach Prag ausreisen. Als die Wehrmacht einmarschiert, wird er denunziert und deportiert: Sachsenhausen, Dachau, Neuengamme. Am 3. Mai 1945 „evakuiert“ ihn die SS mit viertausend Häftlingen.

          Eingesperrt auf der „Cap Arcona“ überlebt er dort den britischen Bombenangriff, der das Schiff in der Lübecker Bucht zum Sinken bringt. Nur 350 Kameraden werden gerettet, das ist die wohl abgründigste Geschichte in diesem deutschen Jahrhundertleben. Eine südwestdeutsche Zeitung, die den ungewöhnlichen Geburtstag dieses ungewöhnlichen Mannes ankündigte, zeigte ihn im Smoking, man hielt ihn wohl für eine Art Heesters, nur eben aus dem Osten. Er hat anders gelebt und anders gespielt. Hoch soll er heute leben!

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