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Erster Weltkrieg : Einer von zehn Millionen

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Charles Kuentz am Freitag auf dem deutschen Soldatenfriedhof Hohrod im Elsaß Bild: F.A.Z. - Foto Falk Orth

An diesem Sonntag vor neunzig Jahren begann der Erste Weltkrieg. Ein Besuch bei dem 107 Jahre alten Charles Kuentz, dem wohl letzten lebenden Soldaten der kaiserlichen deutschen Armee.

          Es ist ganz still, es muß ganz still sein in seinem Kopf, seit es so laut war, daß er sich fast verloren hätte.

          „Papa.“

          Er trägt ein schiefes Lächeln im Gesicht, diesem Gesicht, das seltsam jung aussieht, sicher nicht wie ein Greis, obwohl die Haut so weiß ist, so weiß, daß es ein wohliger Schock ist, wenn man aus dem hellen Sommerlicht in das Haus tritt, und er sitzt dort, in dem grünen Sessel, die Füße schön nebeneinander auf dem Boden, die graue Hose, das Hemd, die Krawatte, der dunkle Pullover, die große, schwarze Brille.

          „Papa.“

          Die Augen, vor allem die Augen sind es. Sie strahlen, als käme das, was sie sehen, von weit weg. Oder der, der all das sieht, ist selbst sehr weit weg.

          „Papa, das ist der Journalist aus Deutschland.“ Seine Tochter hilft ihm aus dem Stuhl, er hat viele Besuche in diesen Tagen, die französische Presseagentur AFP war gestern da, und morgen ist ja auch noch eine goldene Hochzeit. Er schwankt etwas, als sie ihn aus dem Sessel hebt, er hält sich an seinem Stock fest. Der Händedruck ist lang und kräftig, seine Hand ist warm.

          „Guten Tag, wie geht es Ihnen“, sagt er, seine Worte sind weich und rund, und sie hängen im Raum wie die Zeit, beides an den Rändern leicht ausgefranst.

          Ein grausames Jahrhundert

          Es ist ein absurder Versuch, das alles zu verstehen. 107 Jahre ist Charles Kuentz alt, er hat drei Jahrhunderte gesehen, er wurde als Deutscher im Elsaß geboren, er wurde 1918 Franzose, 1940 Deutscher, 1945 wieder Franzose, sein Sohn starb 1944, er sang die Marseillaise, als sie ihn zwangsrekrutierten, in die SS, automatisch in die SS damals, der Sohn starb noch im gleichen Sommer, „pour la France“, so steht es auf seinem Grab. Es ist ein „drôle de siècle“, was für ein merkwürdiges Jahrhundert, was für ein grausames Jahrhundert. Vielleicht lächelt Charles Kuentz deshalb so oft.

          Er ist einer der letzten Veteranen der „grande guerre“. Er ist wohl überhaupt der letzte lebende Soldat der kaiserlichen deutschen Armee. Einer von zehn Millionen, „er war einer von zehn Millionen“, sagt seine Tochter Marie Thérèse und schaut ihren Vater an, der lächelt, in die Stille hinein, die ihn seit jenen Tagen einhüllt, seit jenen Tagen im Lärminferno, das dieser Krieg auch war, seit jenen Tagen „im fünften und sechsten Gardefeldartillerieregiment Zossen“, das sagt er, das weiß er, das wird er nie vergessen.

          Das ist unser Leben

          „Der Krieg war unser Schicksal“, das sagt jetzt die Tochter Marie Thérèse, die viel für ihren Vater antwortet, seit er praktisch gar nichts mehr hört. Sie haben gerade das Haus renoviert, in dem sie wohnen, seit sie auf der Welt sind, sie und ihr Bruder Gérard, die nie ausgezogen sind, die nie ein eigenes Leben hatten, „c'est notre vie“, sagt sie, „was will man machen, man kann sich das nicht aussuchen“, und sie klingt nicht bitter, sondern heiter, auf angenehmste Weise heiter.

          Das Haus, in dem die Familie seit 1929 wohnt, ist außen im hellen Rosa gestrichen, wie es hier typisch ist, in Colmar, dieser Fachwerkstadt, die einen in eine Zeit katapultiert, als das Leben auch nicht besser war und das Sterben genauso tödlich, dafür aber weniger modern und effizient. Sie waren vier Kinder, den Bruder nahm der Krieg, die Schwester nahm der Krebs, die beiden jüngsten sind nun auch schon über siebzig, lange haben sie ihre Mutter gepflegt, die einen Hirnschlag erlitt, als sie vom Tod des Sohnes erfuhr. Marie Thérèse wurde Sekretärin, Gérard wurde Techniker, sie haben nie geheiratet, sie leben für den Vater, der nie vom Krieg sprechen wollte. Erst als er hundert wurde, fing er damit an.

          „Hier ist es noch enger als in den Schützengräben“, sagt Marie Thérèse, als sie ihren Vater durch den Flur führt, der voller Kisten steht und Leitern und Geschirr. Seit sechs Wochen sind die Handwerker da, die mit nacktem Oberkörper durchs Haus steigen. Im Wohnzimmer steht außer Papas grünem Sessel kein Möbelstück am richtigen Platz, also fahren wir hinaus, in die Vogesen, die sich hinter Colmar erheben, hinauf fahren wir, dorthin, wo das Grauen vier Jahre wohnte.

          2000 schwarze Kreuze

          Die Straße, die sich zum Lingekopf hochschlängelt, wurde zu Beginn des Krieges angelegt. Nachschub für die Front, die hier auf dem Bergkamm verlief. Hinter einer grauen Mauer stehen 2000 schwarze Kreuze. Es ist der Friedhof der deutschen Soldaten.

          Marie Thérèse hebt ihren Vater aus dem Wagen, ein schwarzer Honda, „seit wir den neuen Wagen haben“, sagt sie, „geht das alles etwas schwerer“.

          Charles Kuentz schwankt kurz, „ich muß wieder mehr gehen“, sagt er. Um sechs Uhr steht er jeden Tag auf, er macht seine Gymnastik, er betet, „er betet viel“, sagt seine Tochter, dann frühstückt er, liest die Zeitung, schaut Tierfilme, besonders gern Tierfilme. Jetzt geht er langsam auf den Friedhof, lehnt sich an eines der wenigen steinernen Grabmäler, „Landsturmmann Sally Thannhäuser“, steht da, gefallen am 1.8.1915.

          Charles Kuentz reckt das Kinn etwas in die Höhe für den Fotografen, ein stolzer alter Mann, er hält den Kopf ein wenig schief und trägt sein Lächeln, dieses Lächeln, das manchmal fast wie ein Kichern ist. Wie ist das alles passiert, wie habe ich das alles überlebt? Im kalten Winter 1916, in Rußland, als es minus vierzig Grad hatte? In Frankreich dann und in Flandern, wo das Jahr 1917 in Stellungskämpfen zerfloß? In Ypern, 1918, gegen die Engländer?

          Ein Treffen als Zeittunnel

          „Ils nous ont bombardés drôlement“, sagt Charles Kuentz. Im September fährt er wieder nach Ypern mit seinen beiden Kindern, um einen englischen Soldaten von damals zu treffen. „C'est l'Europe“, sagt er, „quand même.“ Es ist ein Zeittunnel, dieses Treffen, am einen Ende stehen wir, am anderen Ende steht dieser wache alte Mann, der aussieht, als werde er nie fortgehen. Auf so einer Reise wird dann selbst die Hummel, die auf der lila Blume landet, daran herumsaugt und weiterfliegt, selbst dieses Bild in Bunt wird dann zu einem alltäglichen Idyll neben dem Grab, ein Bild, das all das bestreitet und dabei deutlich formuliert, was Charles Kuentz erzählen könnte.

          Es gibt dieses Foto aus der Zeit, als er eingezogen und zum Soldaten ausgebildet wurde, 1916, in Jüterbog bei Berlin. Er kam damals direkt aus dem Internat, in das ihn sein Vater geschickt hatte, als Charles elf war. Seine Mutter war gestorben, als er vier war. Ein kleiner Kerl mit Helm ist da zu sehen, die Wangen etwas voll, ein weiches Gesicht. Neben ihm stehen zwei andere Soldaten, Kinder, furchtsam und ahnungslos und leer im Blick. Sie tragen hohe Schaftstiefel, eine Hand am Gürtel, die Ärmel sind zu lang, der Mantel schaut so schwer aus, daß Charles Kuentz gar nicht erzählen muß, wie schwer er war, wenn er sich erst einmal Woche für Woche im belgischen Herbst mit Regen vollgesogen hatte, mit dem Matsch und dem Blut des Freundes, der neben ihm von einem Geschoß zerfetzt wurde.

          Wer weiß, ob wir uns wiedersehn

          Das Gesicht des jungen Charles Kuentz ist verwackelt auf diesem Bild, er hatte nicht stillgehalten. Auf dem Schild, das vor ihnen lehnt, steht: „Wer weiß, ob wir uns wiedersehn.“

          Die Farbe war gewichen, auf den Fotos von damals, der Schrecken war geblieben; und heute, wenn die Farbe wiederkommt, ist der Schrecken nur schwer zu finden. Auch am Hartmannswillerkopf.

          „Dort waren die Franzosen, und dort waren die Deutschen, das muß man wissen, das sieht man nicht mehr“, sagt der Bruder.

          „Hier gab es immer viele Heidelbeeren“, sagt die Schwester.

          Die Franzosen haben ihre Stellungen aus Holz gebaut, hier oben, wo in vier Jahren kein Zentimeter gewonnen wurde, aber 10000 Leben verlorengingen; die Deutschen haben aus Stein gebaut, also sind ihre Schützengräben noch erhalten, zehn, vielleicht fünfzehn Meter entfernt von den Stellungen der Franzosen, nur knapp über dem Scheitelpunkt des Hügels, der jetzt mit Gras bewachsen ist.

          Zwei Jungs in Baseballmützen laufen durch den Schützengraben. Sie rufen: „Nous allons vous bombarder“ und werfen einen Tannenzapfen. Hinter ihnen ist ein weißes Kreuz, auf dem steht, daß an dieser Stelle vier deutsche Soldaten exhumiert wurden, am 11.7.1969, knapp einen Monat, bevor ich geboren wurde.

          Man wird es nicht verstehen

          Ein wenig rostiger Stacheldraht liegt herum und ein Eisenteil, das mal zu einem deutschen Geschütz gehörte. Charles Kuentz wartet im Auto, er hat hier nie gekämpft, hier, wo in den Bergen zwischen dem deutschen und dem französischen Soldatenfriedhof ein paar Touristen den Krieg begehen. Und was er erlebt hat, das kann man sich hundert Mal erzählen lassen, verstehen wird man es nicht, verstehen wird man nur sein Schweigen.

          Am Tag, als er vom Waffenstillstand hörte, fuhr er direkt nach Hause ins Elsaß, von 1919 an arbeitete er für die Post, 1923 heiratete er, er sah die Deutschen gehen, sah sie kommen, sah sie wieder gehen, sie nahmen seinen Sohn mit. 1966 ging er nach 47 Jahren in Ruhestand. Und dann, nach dieser Ewigkeit, fing etwas an.

          Da war dieser Engländer zum Beispiel, ein lustiges Gesicht und ein zu großes Sakko mit vielen bunten Orden auf dem Foto, das Charles Kuentz hält. „Wir haben uns bekämpft, und heute sind wir Freunde geworden“, sagt er. „Komisch, oder?“

          Für die Jugend mache er das eigentlich, sagt er, damit die nicht vergesse, wie der Krieg ist, den sie nie erlebt hat. „Ich glaube“, sagt er und schaut auf das Foto in seiner Hand, „ich glaube, er ist mittlerweile gestorben. Wie heißt er?“

          „Arthur“, sagt seine Tochter.

          „Arthur heißt er“, sagt Charles Kuentz. Er bearbeitet weiter die Pastete, die uns der Wirt eines Gasthofes oberhalb von Colmar spendiert hat, ein Freund, ein Bewunderer auch, der auf dem Akkordeon ein verspätetes Geburtstagslied für Charles singt.

          Das leicht ungläubige Lächeln von vorher, als er die Bilder ansah vom jungen Charles in der Uniform der Kaisergarde und von den Truppenzügen und von den zerfetzten Landschaften, dieses Lächeln ist verschwunden, seine Augen blicken traurig.

          Die Angst blieb

          Die Angst war immer da, in den zweieinhalb Jahren im Krieg und in den Jahren danach wohl auch, und in solchen Augenblicken kommt sie zurück. Nur einmal, erzählt er, hat er etwas gegen die Angst getan, gegen die Beklommenheit und die Verzweiflung, die über ihn kamen, wenn er an die Front mußte. Das war in Flandern, als er seinem Hauptmann sagte, er werde nicht gehen, er habe Pflichten gegenüber seinem Vaterland, aber auch Rechte, und eines dieser Rechte sei das auf Urlaub. Ihm als Elsässer sei das aber bislang nicht gestattet worden. Der Hauptmann schaute ihn lange an, dann sagte er, er werde sehen, was er tun könne, für heute solle er an die Front zurück. Ein paar Wochen später wurde der Urlaub gewährt. Als Charles Kuentz danach an die Front kam, war ein Großteil seines Regiments tot.

          „Ohne den Hauptmann wäre ich wahrscheinlich gar nicht hier“, sagt er.

          Seit fast neunzig Jahren ist es still in seinem Kopf. Es ist eine Stille, die jeden Lärm übertönt.

          Jetzt strahlen seine Augen wieder, als habe er das Leben angehalten in jenem Sommer 1916.

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