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Erster Weltkrieg : Der verunglückte Frieden

Die Friedensarchitekten von Versailles vor dem Pariser Hotel Crillon am 27. Mai 1919: der britische Premier Lloyd George, der italienische Präsident Vittorio Orlando, der französische Premier Georges Clemenceau und der amerikanische Präsident Woodrow Wilson (von links nach rechts) Bild: Lee Jackson/Topical Press Agency/Getty Images

Die Friedensordnung nach dem Ersten Weltkrieg war der Auftakt zu weiterem Verhängnis. Nicht für alle Weltregionen war der Krieg aber eine Katastrophe. Eine Münchner Konferenz erklärt, woran die Neuordnung der Welt scheiterte.

          Wenn es eine bestimmende Erfahrung nach dem Ersten Weltkrieg gab, dann war es ein Gefühl der Zäsur, das Bewusstsein, nicht mehr so weitermachen zu können wie zuvor – ohne das Bild einer möglichen Zukunft schon vor Augen zu haben. Die Weltkriegsforschung benennt die entsprechenden Brüche wie im Schlaf: Zerfall der Wiener Staatenordnung, Auflösung der mitteleuropäischen Kaiserreiche, Krise der säkularen Fortschrittsutopie, Ausklang des bürgerlichen Zeitalters, Ende europäischer Weltdominanz. Der Weltkrieg trennte Nationen, die vorher so stark ineinander verwoben schienen, dass mancher, wie der britische Schriftsteller Norman Angell, den Krieg schon aus wirtschaftlichen Gründen für unmöglich erklärt hatte, bevor er dann tatsächlich ausbrach. Eine stabile Weltordnung ging aus den Kriegsereignissen nicht hervor. Im Gegenteil: Die Pariser Friedensbeschlüsse bildeten den Auftakt zu einer Serie von Katastrophen, die oft erst nach 1989 ein Ende fanden. Manche Regionen wie der Nahe Osten leiden noch heute unter den Folgen von 1919.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Mit den vergeblichen Anläufen zu einer stabilen Nachkriegsordnung beschäftigte sich eine große Konferenz am Münchner Institut für Zeitgeschichte. Stand die Einstimmung auf das Weltkriegsgedenkjahr bisher im Zeichen der Kriegserfahrung und Christopher Clarkes Neugewichtung der Schuldfrage, so lenkte München den Blick auf die Wirkungsgeschichte und die globalen Ordnungsfragen. Woran scheiterte der Pariser Friedensplan, und was bedeutete der Krieg für das Jahrhundert aus globaler Sicht? War er überhaupt ein globaler Krieg?

          Lokale Folgen eines globalen Krieges

          Mit dem Eintritt der Vereinigten Staaten war der Krieg zweifellos ein weltumspannendes Ereignis, aber nicht für alle Weltregionen die vielzitierte Urkatastrophe. Jürgen Osterhammel öffnete den Blick für Staaten wie China oder Japan, für die der Weltkrieg eine Phase industriellen und politischen Aufschwungs einleitete. Auch wenn sich in den ostasiatischen Ländern nicht alle Ziele erfüllten und die von Wilsons Freiheitsprogramm geweckten Unabhängigkeitshoffnungen vieler Kolonien bitter enttäuscht wurden, ergaben sich durch den Krieg eine Reihe von Freiräumen für den Aufbau unabhängiger Strukturen. Die Sowjetunion und die Türkei nutzten sie, um sich eine eigene Form zu geben. In Australien, Neuseeland oder Indien erhielt die Unabhängigkeitsbewegung einen deutlichen Schub. Die globale Wirkung fiel insgesamt sehr unterschiedlich aus, weil der Krieg, im Kern ein europäischer Konflikt, auf keine festgefügte Weltordnung traf.

          Dass der Pariser Frieden nicht von Dauer war, lag in erster Linie an der prekären Gemengelage aus Siegerjustiz und liberalen Ideen. Minderheitenschutz und Selbstbestimmung galten offiziell als Leitprinzipien, de facto rieben sie sich an unverminderten kolonialen Ansprüchen und offenen Revanchegelüsten unter den Siegernationen. Nach dem Rückzug der Vereinigten Staaten lag die Neuordnung in den Händen von Frankreich und Großbritannien, zwei im Prinzip verfeindeten Nationen, deren Interessenkonflikte bald aufbrachen. Der Münchner Zeithistoriker Andreas Wirsching begründete das Scheitern der Pariser Ordnung mit dem Fehlen einer überlegenen dritten Macht und den Grenzen der Nationalstaaten beim Aufbau einer globalen Friedensarchitektur. Die Europäische Union schien Wirsching eine Macht, die dieser Rolle zwar außenpolitisch immer noch nicht gewachsen ist, aber nach dem Fall des Eisernen Vorhangs den Kontinent zumindest im Inneren stabilisieren konnte.

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