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Rühmkorf-Ausstellung : Der Wortschnuppenfänger

Vorbei am narbengesichtigen Sudelbrett der Poesie

Rühmkorfs Verständnis von Lyrik war politisch. Vor Ausrufezeichen empfand er keinerlei Scheu, obwohl er, Jahrgang 1929, mit ihnen und ihrem ideologischen Gebrauch aufgewachsen war. Aber bevor die Hamburger Ausstellung mit Herkunft und Biographie des Autors vertraut macht, begrüßt sie den Besucher mit Rühmkorfs hochkant in die erste Vitrine genieteter Schreibtischplatte, einem echten, redlich abgearbeiteten, narbengesichtigen Sudelbrett. Es folgt eine abgedunkelte Gedichtgrotte mit großen, vertikal im Raum stehenden Projektionswänden, auf denen sich auf Knopfdruck die Buchstaben zu den Versen jener zehn Gedichte zusammenfinden, die Nora Gomringer, Jan Wagner, Jan Philipp Reemtsma und andere ausgewählt haben. Ob der orange leuchtende Pop-Art-Teppichboden und die reichlich umschattete Atmosphäre, die auf Verner Pantons legendäre Hamburger „Spiegel“-Kantine aus dem Jahr 1969 anspielen soll, immer so ganz passend sind, etwa im Fall des von Reemtsma ausgewählten Gedichts „All dein Glück wie nie gewesen“(1987), kann man bezweifeln. Es ist aber nicht mehr so wichtig, wenn man erst Reemtsmas Kommentar zu den stillen, ganz in sich gekehrten Versen lauscht oder sich von Jan Wagner erklären lässt, warum die „Reimfibel“ (aus „Wenn – aber dann“, 1999) nicht nur einer lebenslangen Begeisterung durch den Reim entspricht, sondern auch – bei aller kindlich-unschuldigen Fröhlichkeit – einen entschieden poetologischen Zug hat und gleichsam Rühmkorfs lyrische Ur-Programmatik enthält: „Liebe Kinder, hört mal zu / Hier sind A – E – I – O – U“.

Was die Arno Schmidt Stiftung, die Erbin der Urheberrechte am Werk Rühmkorfs, im Altonaer Museum aus Anlass seines neunzigsten Geburtstags aufbietet, ist durchdacht, abwechslungsreich und überdies eine Reise durch Lyrik- und Zeitgeschichte der Bundesrepublik. Kleinteiliges wie Fotos und Dokumente aus Kindheit und Jugend in den Vitrinen wechselt mit Großformatigem, Breitwand geradezu: Fast siebenhundert faksimilierte Typoskriptseiten im Format DIN A4 füllen eine fünfzig Quadratmeter große Glaswand – Rühmkorfs legendäres Projekt „Selbst III/88. Aus der Fassung“, der Versuch, dem Publikum einmal in extenso vor Augen zu führen, wie viel Mühe, Aufwand, Zeit, Arbeit und Akribie ein schuftender Artist, wie Rühmkorf es zeitlebens war, in ein einziges Gedicht steckt. Man kann, wenn man viel Zeit mitgebracht hat, was sich ohnehin empfiehlt in Literaturausstellungen, vom analogen Faksimile zu dessen digitaler Aufbereitung auf dem Touchscreen wechseln und sich die unzähligen Arbeitsschritte und minutiösen Bearbeitungen im Detail ansehen.

Rühmkorf war ein Perfektionist, der das Genialische, mit schlenkernder Hand Dahingeworfene liebte, aber wusste, dass nach dem Einfall die Arbeit kommt, nach dem Schlenker das Polieren, Schmirgeln und Verfugen. Ein Gedicht musste bei ihm dicht sein – im mehrfachen Wortsinn, komprimiert und abgedichtet, wasserfest und imprägniert gegen mögliche Einwände, vor allem jene handwerklicher Natur. Die Leichtigkeit, das eminent Spielerische seiner Verse, gerade auch seiner Reimfindung und Rhythmusführung, waren erkämpft, ersessen in nächtelanger Arbeit an der schartigen Arbeitsplatte in Övelgönne, mit Blick auf den Containerhafen am anderen Elbufer. Aber sie waren auch ersammelt, erklaubt und erjagt, denn Rühmkorf baute seine Gedichte oft aus jenen „Quanten“ und „Lyriden“ zusammen, die er in einer Art lyrischer Vorratshaltung hortete, archivierte und mittels eines komplizierten Ablage- und Verweissystems zugänglich und brauchbar zu erhalten trachtete. Sein Nachlass, der schon zu Lebzeiten Rühmkorfs den Weg ins Deutschen Literaturarchiv gefunden hatte, ist bislang der größte Einzelposten in Marbachs unterirdischen Regalen.

Wer auf dem Touchscreen Rühmkorfs Reimbildung nachspürt (Honda – Stubenanakonda oder auch Mädchen – Königinpastetchen), die Relikte seiner leider wenig erfolgreichen Anbandelung mit dem politischen Theater betrachtet („was heißt hier Volsinii?“) oder sieht und hört, wie Rühmkorf selbst zusammen mit Michael Naura und anderen in bis dahin und seitdem wieder ungekannter Weise Jazz und Lyrik in gemeinsame Schwingung versetzte, weiß wieder, warum dieser Dichter unvergleichlich ist. Wenn er es denn, aber das ist unwahrscheinlich, je vergessen hatte.

Laß leuchten! Peter Rühmkorf zum Neunzigsten.

Altonaer Museum, Hamburg; bis zum 20. Juli 2020. Danach im Literaturmuseum der Moderne in Marbach.

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