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Theaterstück übers Altern : So wird aus Krise Kitsch

  • -Aktualisiert am

Szene aus „Die letzte Station“ Bild: Armin Smailovic

Wer in der Vorweihnachtszeit Besinnliches braucht, ist im Berliner Ensemble falsch: Dort scheitert Ersan Mondtag am Thema Altern.

          Ein Sohn besucht seine Mutter. Fährt durch das dunkle Land, vorbei an Glitzer und Schmuck. Im Radio spielen sie das Übliche, Feliz Navidad hoch und runter. Zu Hause wohnt die Mutter nicht mehr, das Haus am Waldrand, mit den steilen Treppen, war nicht altersgerecht. Also Umzug in die Stadt, betreutes Wohnen, acht Wochen Kurzzeitpflege, dann doch ins Heim. An den Ort, an den sie nie wollte, weil er den endgültigen Abschied bedeutet vom selbstbestimmten Leben, Ausschlafen, späten Frühstück und von Cocktailpartys im Mai. Stattdessen ein kleines Zimmer mit Blick auf den Parkplatz und einem verstellbaren Pflegebett. Gerade sitzt sie im Speisesaal bei Kaffee und Kuchen, allein an einem Einzeltisch, weil sie das Sabbern der anderen Greise nicht aushielt. Polterte und zeterte, bis man sie aus der Zwangsgemeinschaft entließ. Der Sohn setzt sich zu ihr, die ihn gefüttert und erzogen, getröstet und beschützt hat. Er will ihr den Arm um die Schulter legen, aber sie zuckt zusammen, schaut ihn aus fernen Augen an und stellt die gefürchtete Frage: „Wer sind Sie?“

          Zwei Stunden redet er auf sie ein, versucht sich auszuweisen, nennt Details aus ihrem gemeinsamen Leben, fleht, flucht, weint, aber sie erkennt ihn nicht mehr. Die Umgebung hat sie abgestumpft, hilflos gemacht, wie ein Kind, das schreit, weil es nichts versteht. Wütend donnert sie den Rollator gegen die Aufzugstür und murmelt: „Ich glaube, ich werde wahnsinnig.“ Ein Lebensmoment – die Angst vor dem langsamen Verschwinden. Jetzt führt kein Weg mehr zurück, jetzt wird alles immer nur noch schlimmer. Würdeloser. Was für ein Drama, geschrieben vom Leben selbst, dem unerbittlichsten Autor. Wer wäre nicht versucht, das Skript zu übernehmen? Das Leid professionell in Szene zu setzen? Zum Beispiel an einem Theaterabend die existentiellen Themen Alter und Tod zu verhandeln.

          Ersan Mondtag, der derzeit am höchsten hinauf geschossene Shootingstar am deutschen Regiehimmel, versucht in seiner neuen, eben am Berliner Ensemble uraufgeführten Produktion „Die letzte Station“ ebendas: der Tragik des Alterns Ausdruck zu verleihen. Er hat dafür recherchiert, war mit seinem Ensemble in einer Tagespflegeeinrichtung für Demenzkranke, einer Seniorenresidenz und einem Hospiz. Dort hat er bestimmt viel Herzzerbrechendes gesehen, aber einen Weg, seine Erlebnisse auf die Bühne zu bringen, hat er nicht gefunden. Überhaupt nicht. Alt sein heißt bei ihm nur schmutzige Falten anmalen und heftig mit den Händen zittern. Der gesprochene Text ist der Rede nicht wert, und die Tanzauftritte des Dance-on Ensembles sind zu kurz, um zu wirken. Auffällig ist allein das gut ausgeleuchtete Ambiente mit Weihnachtstannen und offener Holzhütte. Die Tragik will hier vor allem gut aussehen und sich dabei selbst zuschauen. So wird aus Krise Kitsch und aus Pathos Parodie. Wer in der Vorweihnachtszeit Besinnliches zum Thema braucht, sollte statt ins Theater lieber ins benachbarte Altersheim gehen. Dort gibt es viel zu sehen: Adventsingen gegen die Einsamkeit, letzte Gänge im Park und einen verzweifelten Sohn mit seiner verlorenen Mutter. „Sie müssen mich verwechseln“, sagt sie, „mein Mann wollte nie Kinder.“

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