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Erotische Klassiker : Feuchter Schmalz

Eine britische Verlegerin versteckt in englischen Klassikern amouröse Leidenschaften. Die erotischen Anreicherungen sollen junge Menschen zum Lesen verführen.

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          Eines der großen Rätsel der Menschheitsgeschichte ist der Sex. Wie geht er (richtig)? Wer macht ihn (wichtig)? Warum genießt man ihn (kostenpflichtig)? Antworten liefert eher die Literatur als die Bio- oder Soziologie. Aber davon kriegt man nie genug - was ja auch zum Thema passt. Also ist eine findige britische Verlegerin in den durch E. L. James’ „Shades of Grey“-Verkaufszahlen ausgelösten Konvulsionen des englischsprachigen Buchmarkts auf eine listige Idee gekommen.

          Umerziehung der Gefühle

          Eingedenk der allgemeinen Empörung anspruchsvoller Leser über die Zumutung, für bloßen erotischen Kitzel ästhetische Krämpfe durchleiden zu müssen, bietet der Verlag Total-E-Bound Publishing eine neue Buchreihe an: „Clandestine Classics“. Sie enthält in der Tat Klassiker der englischen Literatur wie „Stolz und Vorurteil“ von Jane Austen, „Jane Eyre“ von Charlotte Brontë, „Sturmhöhen“ von deren Schwester Emily oder Sherlock-Holmes-Geschichten von Arthur Conan Doyle - alles bezeichnenderweise längst rechtefreie Titel. Denn diese Bücher werden einer Umerziehung der Gefühle unterworfen, indem die Verlegerin sie anreichert mit Passagen, die auf Englisch mit dem schönen Begriff „juicy“ umschrieben werden. Plötzlich entwickeln die Protagonisten Leidenschaften, von denen bislang bestenfalls ihre sehr aufgeschlossenen oder sehr verklemmten modernen Leser etwas geahnt haben: Heathcliffs Vorliebe für Fesselspiele oder das Begehren des Mister Holmes nach Doktor Watson. Der Originaltext bleibt dabei vollständig erhalten, es kommt nur immer wieder etwas dazwischen - was ja auch zum Thema passt. Vom Originalsinn schweigen wir. Im Reich der Sinne ist er gewiss der entbehrlichste.

          Und ohnehin steht alles nur im Dienste der Volksbildung: Man werde, sagt die Verlegerin, junge Menschen mit solchen Büchern zum Lesen verführen - was zwar nicht zum Thema passt, aber vielleicht gibt’s ja auch noch saftige Subventionen aus dem Bildungsetat.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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