https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/eroeffnungsrede-beim-ingeborg-bachmann-preis-wieder-wurst-18123240.html

Ingeborg-Bachmann-Preis : Wieder Wurst

  • -Aktualisiert am

Hielt die Eröffnungsrede bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur: Anna Baar Bild: dpa

Nabelschau am Wörthersee: Anna Baar hat den Wettbewerb um den Bachmannpreis mit einer Rede eröffnet, die Phrasen bemühte, um gegen Phrasen zu wettern.

          2 Min.

          Ja, geht es denn schon wieder um die Wurst? Kaum wird die Diskussion um die „Bratwurstbude“ des deutschen PEN und ihre neue Dependance in Berlin etwas zäh, beginnt in Klagenfurt das nächste Event des wieder auflebenden Präsenz-Literaturbetriebs: Bachmannpreis, ganz in echt, mit Lesungen jetzt unter freiem Himmel! Nach zwei Jahren Digitalmisere erwartet man hier Feierbiester – und dann steht schon die Eröffnung im Banne eines Schmähworts: „Wurstkomplizen“. Wie das? Die österreich- oder auch speziell kärntenkritische Nabelschau hat beim Bachmannpreis eine gewisse Tradition, man denke an den Siegertext der Kärntner Slowenin Maja Haderlap oder Josef Winklers Wutsuada, in der er 2015 forderte, die Urne Jörg Haiders in eine bewachte Gefängniszelle zu verlegen.

          Die 1973 in Zagreb geborene Autorin Anna Baar, die 2015 selbst hier gelesen und zuletzt den Roman „Nil“ bei Wallstein vorgelegt hat, kam in ihrer diesjährigen Eröffnungsrede auch auf Haider zu sprechen, vor allem aber auf den Klagenfurter Kinderarzt Franz Wurst, dessen Heilpädagogikabteilung am Kärntner Landeskrankenhaus jahrzehntelang eine „Seelenmordanstalt“ gewesen sei. Man wisse von fünfhundert Opfern der Kärntner Jugendwohlfahrt, die teils schwer misshandelt worden seien, während Wurst im Amt blieb und von Politikern gedeckt wurde.

          „Die Wahrheit ist eine Zumutung“

          Als „Wurstkomplizen“ provozierte Baar letztlich auch diejenigen im Publikum, die nicht aufbegehrten gegen eine (Klagenfurter) Wirklichkeit, in der auch heute noch Straßen nach Naziverbrechern benannt seien. Der sehr oft zitierte Satz der Namenspatronin des Bachmannpreises, der diesem auch schon als Motto auf die Fahnen geschrieben wurde – „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“ –, tauge heute nur noch als Klospruch, so Baar, und sie „nehme ihn zurück“ angesichts einer Wirklichkeit, in der die Wahrheit durch Sprache ständig verdreht werde. Aber warum ersetzte sie dann diesen Satz im Titel ihrer Rede nur durch eine neue Phrase: „Die Wahrheit ist eine Zumutung“?

          So universell Baars moralischer Anspruch, so fragwürdig die daraus abgeleiteten Kriterien für Literatur. Diese solle „Kindern Geschichten geben, an denen sie sich aufrichten können“. Ob das schon genügt? Etwas unmotiviert fuhr Baar dann noch kurz großes rhetorisches Geschütz gegen eine marktgerechte „Weißbrotliteratur“ auf, und etwas vage blieb ihre Kritik am darin vorherrschenden Jugendjargon. Galt die letztjährige Klagenfurter Rede des Kritikers Hubert Winkels manchen als zu elitär, wirkte diese letztlich zu provinziell und auch zu bieder, daran konnte selbst der Griff in die Kiste der Wurstmetaphern nichts ändern.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine

          Ukrainekrieg : Selenskyj fordert Sanktionen gegen russische Atomindustrie

          Die Strafmaßnahmen müssten die Nuklearindustrie des russischen Aggressors treffen, sagte Selenskyj in seiner Videoansprache. Jeder russische Soldat, der das AKW Saporischschja beschieße oder sich dort verschanze, werde zum Ziel ukrainischer Geheimagenten und der Armee.
          Verzierter Lotussockel: Modi vor einer Großversion des indischen Nationalwappens

          75 Jahre Unabhängigkeit : Mit Bulldozern baut Modi sein „Neues Indien“

          75 Jahre nach der Unabhängigkeit will Ministerpräsident Narendra Modi Indien von den Spuren der Fremdherrschaft befreien. Er selbst soll in die Geschichte eingehen. Vor allem Muslime geraten dabei unter Druck.
          Anshu Jain war eine so leidenschaftliche wie umstrittene Führungsfigur.

          Zum Tode Anshu Jains : Ein Treiber und Getriebener

          Als Co-Vorstandsvorsitzender verkörperte Anshu Jain über viele Jahre das Investmentbanking einer Deutschen Bank, die mit den amerikanischen Riesen der Branche wetteifern wollte. Nun ist er mit 59 Jahren gestorben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.