https://www.faz.net/-gqz-om3m

Eröffnung : Die Pracht singt ihre Lieder

Zu glanzvoll: Nicola Kidman und Jude Law in „Cold Mountain” Bild: Berlinale

In Anthony Minghellas neuem Film "Cold Mountain", mit dem die Berlinale eröffnet wurde, gibt es nichts, was ausgelassen wird, außer dem Wesentlichen: der inneren Realität der Protagonisten.

          4 Min.

          Die Berlinale war einmal ein Sommerfestival. Und ein Filmfestival der freien Welt, damals, als es die unfreie noch gab, das "Reich des Bösen", die "rote Gefahr". Heute ist die Lage diffuser, die Bösen sind nicht eindeutig erkennbar, und die Guten haben Mühe, ihr Handeln zu rechtfertigen. Das hat Folgen, für die Wirklichkeit wie für ihr Abbild, und ganz besonders im Kino, das stets auf die klare Unterscheidbarkeit von Gut und Böse angewiesen war. James Bond beispielsweise jagt immer noch die Großschurken der Welt, aber es wird zunehmend schwieriger, seinen Widersachern ein markantes Profil zu geben. Der Feind: Das kann jeder sein, irgendeiner, ein Gesicht in der Menge, ein Phantom.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In Anthony Minghellas neuem Film "Cold Mountain", der an diesem Donnerstag abend das offizielle Programm der Berlinale eröffnet, ist der Feind anfangs noch deutlich erkennbar, doch dann verlieren sich seine Züge im Chaos des amerikanischen Bürgerkriegs. Es ist das Jahr 1864, Männer in blauen kämpfen gegen Männer in grauen Uniformen, und einer der Grauen ist Inman (Jude Law), der bei einer Patrouille vor den Schanzen von Petersburg, Virginia, schwer verletzt wird. Halbwegs genesen, will er nicht mehr zurück aufs Schlachtfeld, sondern heim nach Cold Mountain in North Carolina, wo seine Verlobte Ada (Nicole Kidman) auf ihn wartet. Viele Winterwochen lang dauert Inmans gefahrvoller Weg nach Hause, und von dieser Heimkehr vor allem handelt Minghellas Film.

          Ihr Make-up spricht gegen sie

          "Cold Mountain" ist, wie viele zeitgenössische Hollywoodproduktionen, ein Film mit zahllosen Vorbildern. Es gibt Kampfszenen, die an Kubricks "Wege zum Ruhm", und Schießereien im Schnee, die an Robert Altmans "McCabe und Mrs. Miller" erinnern, es gibt Reminiszenzen an "Vom Winde verweht" und "Heaven's Gate", Verbeugungen vor Clint Eastwood und John Ford. Anthony Minghella, der mit der Verfilmung des "Englischen Patienten" sein Geschick für historisch-literarische Stoffe bewiesen hat, ist ein hochgebildeter Kinohandwerker, ein Regisseur, der genau weiß, wie begrenzt der Formenvorrat realistischer Filmerzählungen ist, wie vorgeprägt jedes Bild, das er sich von seinen Vorlagen macht. Und so hat er für jede Facette des Bestsellerromans von Charles Frazier, nach dem der Film entstand, das visuelle Äquivalent gefunden, eine Liebesnacht hier, eine Frauenfreundschaft dort, ein Überfall am Lagerfeuer, eine Vision im Brunnen, ein Duell, ein Lied, ein Kuß.

          Aber gerade diese durchgängige Virtuosität ist die große Schwäche des Films. Es gibt nichts, so hat man den Eindruck, was in "Cold Mountain" ausgelassen wird, außer dem Wesentlichen: der inneren Realität der Protagonisten. Sie liegt dicht unter den makellosen Oberflächen dieses Bürgerkriegspanoramas, doch Minghella gräbt sie nicht aus. Zu sehr ist er mit dem beschäftigt, was Robert Bresson "Postkartenismus" genannt hat: dem Verpacken schöner Literatur in noch schönere Bilder. Nicole Kidman und Jude Law, zwei ästhetische Ikonen des Gegenwartskinos, geben sich beträchtliche Mühe, die Nöte des Bürgerkriegs in ihrem Spiel zu spiegeln, aber ihr Gesicht und ihr Make-up sprechen gegen sie - so schlimm kann es nicht gewesen sein, wenn man dabei noch so gut aussieht. Es ist das alte Dilemma des konventionellen Kinorealismus: Je akribischer er sich bemüht, den äußeren Anschein historischer Wirklichkeit herzustellen, desto mehr verfehlt er sie.

          Worunter der deutsche Film nicht leidet

          Weitere Themen

          Relativ, prominent, chaotisch

          F.A.Z.-Hauptwache : Relativ, prominent, chaotisch

          Wie viel Geld muss Frankfurt investieren, um die bauliche Zukunft seiner Bühnen zu sichern. Welche Städte sind im Pott für die Autoschau IAA? Wann wird die Paulskirche saniert? Die F.A.Z.-Hauptwache gibt Antworten.

          Topmeldungen

          5:0 gegen Schalke : Die Bayern blasen zur Jagd auf Leipzig

          Die Münchner erteilen Schalke eine Lehrstunde und kommen Spitzenreiter Leipzig, der sein Spiel in Frankfurt verliert, nah. Die Bayern indes siegen imposant – auch weil der Torwart der Königsblauen zwei Mal patzt.
          Demonstranten in Leipzig

          Sechs Polizisten verletzt : Wieder Krawall in Leipzig

          Etwa 1300 Menschen demonstrieren in Leipzig gegen das Verbot einer linksextremen Online-Plattform. Zunächst bleibt der Protest friedlich, dann fliegen Steine. Die Polizei kesselt die Demonstranten ein, sechs Beamte werden verletzt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.