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Internetkonferenz Re-Publica : Lässt sich auf Misstrauen aufbauen?

Die Vorsprecher und Organisatoren der Republica: Johnny Häusler und Markus Beckedahl (rechts) Bild: dpa

Die großen Schrauben werden doch in der Berufspolitik gedreht. Die Republica begibt sich deshalb auf die europäische Ebene, sucht aber auch das Potential kleiner Veränderungen.

          Die Jahre und Republicas schreiten voran, aber ein paar Themen bleiben mit sturer Hartnäckigkeit, und sie gehen wohl auch nicht von alleine weg, so sehr man das auch will: Die Überwachung und die Vorratsdatenspeicherung. Auch die Sache mit der Netzneutralität ist noch nicht ganz ausgestanden. Die Regeln dafür werden mittlerweile vorwiegend in Brüssel gemacht, es ist also an der Zeit, endlich eine Republica dem Thema Europa zu widmen.

          Und vielleicht war es gerade deshalb eine gute Idee, den Eröffnungsvortrag einer außereuropäischen Stimme zu überlassen, die den nötigen Weitwinkelblick mitbringt. Die Aufgabe fiel an Ethan Zuckerman, seines Zeichens Internetaktivist, Autor und Direktor des MIT Center of Civic Media. Er wurde dem Publikum als einer von den alten Recken und „einer von den Guten“ vorgestellt. Wie funktioniert heute Partizipation, fragte Zuckerman. Warum gehen junge Menschen lieber zur Demo als zur Wahl. Und welche Rolle spielt dabei das Netz?

          Immer häufiger wird jedenfalls versucht, etwas über den Straßenprotest zu erreichen, und oft - wie jüngst in Baltimore - setzen sich Forderungen auch durch: Die Polizeibeamten, die für die brutale Behandlung eines jungen Schwarzen im Gefängnis verantwortlich sind, wurden tatsächlich verhaftet und angeklagt. Man könnte also, so Zuckerman, gar von einem „goldenen Zeitalter des Protests“ reden. Das ist einerseits schön.

          Der Markt muss es richten

          Leider aber zeigt sich häufig, dass Protest zwar eine ideale Form ist, gegen etwas zu sein, man tut sich dann aber schwer mit dem Aufbau neuer Ordnungen. Zum Beispiel beim arabischen Frühling: Die alte Ordnung wurde erfolgreich abgeschafft, eine neue ist aber noch nicht in Sicht. Und auch in der Türkei ist Erdogan trotz der Gezi-Proteste noch immer im Amt und mächtiger als zuvor. Warum das so ist, hat die Anthropologin Zeynep Tufekci erforscht: Nie zuvor flammten Proteste schneller auf, und nie flauten sie schneller ab. Und kaum noch bringen sie die Menschen dazu, wirklich zusammenzuarbeiten und etwas zu ändern. Veränderung, das schafft heute höchstens noch der Druck des Marktes. Es waren die Banken, sagt Zuckerman, die Silvio Berlusconi abgesägt haben. Alle anderen haben sich an ihm die Zähne ausgebissen.

          Man brauche also einen dritten Weg, um politische Wirkung auszuüben. Die Zeiten, in denen man das Internet für fähig hielt, das von ganz allein zu verrichten, seien allerdings vorbei. „Wir haben einen ganzen Haufen Mist geglaubt“, resümierte Zuckerman mitleidslos. Mit dem Ergebnis, dass die Menschen misstrauischer gegenüber Regierungen und Institutionen sind als je zuvor. Der deutsche Begriff der „Lügenpresse“, der es anscheinend schon in die Vereinigten Staaten geschafft hat, ist ein Beispiel dafür. Gleichzeitig gebe es immer mehr Ungleichheit und Intransparenz. Die Politik professionalisiert sich, sie ist das Tätigkeitsfeld für den Typus des Berufspolitikers. Für mindestens zwei Generationen junger Menschen ist Misstrauen inzwischen ein Grundgefühl. Und das, sagt Zuckerman, sei ja erst einmal nichts schlechtes. Man müsse dieses Misstrauen eben produktiv nutzen. Aber wie?

          Niemand hat bisher ein Rezept für die bessere, schönere Welt. Es gibt nur Ansätze, oft auf lokaler Ebene: Demokratieprojekte, die Bürger beteiligen und begeistern können; Firmen, die Grundlagenarbeit in der Forschung und Entwicklung besserer Produkte leisten; Medien, die immer wieder gegen Normen und Konventionen anrennen. Ja, das klingt alles erst einmal wolkig. Aber es klingt auch hoffnungsvoll und utopisch. Und vielleicht sollte man sich wieder einmal die ein oder andere Utopie leisten, damit etwas vorangeht, nachdem wir festgestellt haben, dass Regierungen und Geheimdienste sukzessiv das Netz kaputtmachen.

          In den nächsten Tagen werden bei der Republica diese vielen, kleinen Ansätze vorgestellt, die das Potential haben, Dinge zu verändern. Bei der Subkonferenz „Wissenschaftsjahr: Raumlabor“ geht es ab Mittwoch Vormittag darum, wie die Städte der Zukunft aussehen können. Es geht um neue Arbeitswelten und darum, wie andere Länder das Internet und die sozialen Medien nutzen. Darum, wie das Internet allmählich in unsere ureigenste Privatsphäre Einzug hält, vom Familienblog bis zur Partnersuche. Und natürlich geht es wie immer um das Lieblingsthema der Medien: die Medien. Wie immer wird die Welt nicht gerettet werden, aber eine Bestandsaufnahme ist von Zeit zu Zeit ja auch ganz nützlich.

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