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„Der Dichter und der Neonazi“ : Im schlimmsten Feind den Menschen sehen

Erich Fried im Jahr 1986 Bild: picture alliance / ZB

Zeugnis einer bizarren Freundschaft: In Briefen diskutierten der linke jüdische Lyriker Erich Fried und der fanatische Neonazi Michael Kühnen in ernsthaftem Ton darüber, ob Frieds Großmutter tatsächlich in Auschwitz ermordet wurde.

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          Der Schüler Michael Kühnen ist vierzehn Jahre alt, als die NPD im September 1969 zur Bundestagswahl antritt. Als die Partei an der Fünfprozentklausel scheitert, verbringt der Junge die halbe Nacht heulend in seinem Zimmer, steht aber in den folgenden Tagen und Monaten weiterhin fast täglich auf dem Bonner Marktplatz, um Passanten die „Deutschen Nachrichten“ anzubieten, die Parteizeitung der NPD. Er verehrt Adolf Hitler und leugnet den Holocaust. Seine Mitschüler am katholischen Collegium Josephinum wählen ihn 1973 dennoch zu ihrem Schülersprecher. Ein Jahr später verpflichtet Kühnen sich für zwölf Jahre bei der Bundeswehr, wird Leutnant, lässt sich zum Einzelkämpfer ausbilden und ist aktiv beim Aufbau der Untergrundzelle „SA-Sturm 8. Mai“ beteiligt. Ziel der Zelle ist die Wiedererrichtung der NS-Diktatur.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Erich Fried ist sechs Jahre alt und gerade eingeschult, als er 1927 bei einer Weihnachtsfeier in seiner Schule ein Gedicht aufsagen soll. Als er mitbekommt, dass sich unter den Gästen auch der damalige Wiener Polizeipräsident Schober befindet, der kurz zuvor beim Wiener Justizpalastbrand ein Blutbad mit mehr achtzig Toten unter linken Demonstranten hatte veranstalten lassen, erklärt der Knirps auf offener Bühne, dass er vor diesem Herrn sein Gedicht nicht aufsagen werde. Johann Schober, der später österreichischer Bundeskanzler wird, verlässt den Saal. Gute zehn Jahre später, jetzt ist er etwa so alt wie der Schülersprecher Michael Kühnen, gründet der Schüler Erich Fried eine antifaschistische Widerstandsgruppe, verteilt Flugblätter und riskiert damit sein Leben. Er ist siebzehn, als sein Vater von der Gestapo zu Tode geprügelt wird. Als seine Großmutter von den Nationalsozialisten vergast wird, ist Erich Fried vor den Nationalsozialisten bereits nach London ins Exil geflohen.

          Ein Gedicht von Adolf Hitler?

          Kann man sich vorstellen, wie Michael Kühnen und Erich Fried Mitte der achtziger Jahre ernsthaft und in geradezu freundschaftlichem Ton darüber diskutieren, ob Frieds Großmutter tatsächlich in Auschwitz ermordet wurde, ob der Holocaust tatsächlich stattgefunden hat oder ob es sich dabei nicht in Wahrheit um ein Propagandamärchen der Siegermächte handele?

          Holocaust-Leugner, darunter Michael Kühnen, 1978 bei einer Aktion der „Aktionsfront Nationaler Sozialisten“ in Hamburg.
          Holocaust-Leugner, darunter Michael Kühnen, 1978 bei einer Aktion der „Aktionsfront Nationaler Sozialisten“ in Hamburg. : Bild: Picture-Alliance

          Kühnen ist Anfang dreißig, mehrfach vorbestraft und gilt seit einigen Jahren als Kopf und Anführer der deutschen Neonazis. Fried, Jahrgang 1921, ist mehr als dreißig Jahre älter, ein undogmatischer Linker und politischer Lyriker, der Shakespeare übersetzt hat und mit Rudi Dutschke befreundet war. Seine 1979 erschienenen „Liebesgedichte“ waren ein Bestseller, und ihr Autor gilt als einer der meistverkauften deutschsprachigen Lyriker nach 1945. Den Spitznamen „Stören-Fried“, den ihm konservative Kreise aufgrund seiner vielfältigen Interventionen verpasst hatten, nahm er als Auszeichnung. Er galt als konfliktfreudig bis zur Kampfeslust, aber auch als unermüdlich guter Zuhörer und in den diskurstrunkenen siebziger Jahren als einer der wenigen, die in der Lage waren, auch im heftigen Streitgespräch offen anzuerkennen, wenn der Gegner ausnahmsweise einmal ein gutes Argument vorgetragen hatte.

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