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Erfinder des Fahrrads : Das kann doch kein Deutscher gewesen sein!

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Was hätten sie nur gemacht, wenn das erste BMX-Rad schon gebaut worden wäre? Choreographie von acht Fahrradakrobaten aus dem Jahr 1925. Bild: akg-images / Voller Ernst

Egal ob Laufrad oder einspuriges Liegerad: Immer mehr Menschen fahren Fahrrad. Aber wer kam zuerst auf die Idee? Darüber herrscht Streit zwischen Franzosen und Deutschen: ein historisches Fundstück.

          Die Schließung des alten Karlsruher Friedhofs um 1891 galt bislang nicht als weltbewegendes Ereignis. Und doch war sie der Auslöser für die erste Fahrradgeschichte in Buchform. Denn die Gebeine des staatsfeindlichen Forstlehrers und Zweirad-Erfinders Karl Drais lagen noch dort. Daran erinnerte damals der Stadtarchivar Thomas Cathiau, im Hauptberuf Gewerbeschuldirektor. Seine Stimme wurde im reichsweiten Deutschen Radfahrerbund gehört, der damals etwa so einflussreich war wie der ADAC heute, dem ja auch mal ein Motorradclub vorausging. Der Vorsitzende des Radlerverbandes, Carl Hindenburg, ein Magdeburger Großhändler, trommelte 1890 zu einer reichsweiten Sammlung für die Umbettung von Drais in den Neuen Friedhof und für ein angemessenes Grabmal.

          Jenseits des Rheins stieß diese Nachricht bei der Grande Nation aber übel auf, die sich seit dem verlorenen Krieg von 1870/1871 gedemütigt fand. War nicht „le vélo fils de France“, also das Fahrrad ein Sohn Frankreichs? In Paris zückte der Journalist Louis Baudry die Feder, der sich den schwungvollen Adelszusatz „de Saunier“ selbst verliehen hatte und bisher nur durch seinen Erstling „Die Träume junger Mädchen“ aufgefallen war. In Rekordzeit kompilierte er aus den französischen Fahrradblättern das zweihundertseitige Büchlein „Histoire de la Vélocipédie“, das immerhin im selben Jahr 1891 noch drei weitere Auflagen erreichte.

          Bietet langen Kleidern Schutz: das Damenrad Bilderstrecke

          Der Glaube an das Gedruckte muss damals noch unerschütterlich gewesen sein, denn heutige Leser kann seine Argumentation nicht mehr überzeugen: „Der Frankfurter Friede ließ die Franzosen nachdenken und führte rasch zu folgendem richtigen Gedanken: ein Gehirn jenseits des Rheins soll die Draisine geboren haben - ist das denn wahrscheinlich? Man durchblätterte die alten Autoren, man blies den Staub von alten Gelehrtenarchiven und warf auf Drais’ Ruhm eine Handvoll Erfindernamen vor ihm, die alles platzen ließen und die nackte Wahrheit aufdeckten: der Badener war bloß ein Ideendieb, so wie seine Nachfahren sich als Uhrendiebe erwiesen haben.“

          Lallement taugt nicht als Nationalheld

          Autsch! Sollte die schmucke weiße Porzellanuhr, Erbstück in vielen deutschen Wohnzimmern, etwa der Urgroßvater im Siebzigerkrieg mitgehen lassen haben? Baudry, nicht faul, strichelte offenbar selbst die tierköpfigen, starren Zweiräder ohne Lenkung und ohne Quellenangabe, welche ein Comte de Sivrac bereits 1791 zu Revolutionszeiten in Paris gefahren habe. Dadurch erschien sein Werklein just zum hundertjährigen Jubiläum dieser nun französischen Ersttat. Für Drais blieb so nur noch die Erfindung der Lenkung übrig. Merkwürdig nur, dass ein starres Zweirad nur für Sekunden in Balance gehalten werden kann - außer von einem Artisten mit Balancierstange! Aber immerhin: Die erste Fahrradhistorie in Buchform war erschienen, wenn auch etwas patriotisch eingefärbt.

          Die feierliche Wiederbeisetzung der Draisschen Gebeine in Karlsruhe vermochte dies aber noch nicht zu trüben, eher schon die pietätlosen Karikaturen gegen den frühen Demokraten, welche badische Monarchisten in Umlauf brachten. Das Geld reichte sogar noch für ein Denkmal, das 1893 der Stadt Karlsruhe geschenkt und in der Kriegsstraße aufgestellt wurde (heute in der Beiertheimer Allee).

          Dies ließ den französischen Radverbänden nun wirklich keine Ruhe mehr. Eilig wurde für ein Denkmal der nächsten Erfindung gesammelt, nämlich das 1866er Kurbelveloziped mit angetriebenem Vorderrad. Weil es so schnell gehen musste, konnte man den wahren Erfinder nicht lange ermitteln, sondern setzte auf den Wagner Pierre Michaux, der als Strohmann der drei Brüder Olivier anfangs die Produktion beaufsichtigte. Denn der finanzierende Papa, Chemiefabrikant in Avignon, wollte seinen guten Namen nicht mit dem riskanten Unternehmen der Söhne belasten.

          Eigentlich hatte der Emigrant Pierre Lallement in den Vereinigten Staaten seit 1866 ein Patent auf das Kurbelveloziped, aber da sein Nachnahme genau wie „L’Allemand“, der Deutsche, klang, also der Erzfeind, konnte er doch unmöglich ein Nationalheld Frankreichs werden. Das Denkmal wurde mit großen Feierlichkeiten in Michaux’ Geburtsort Bar-le-Duc eingeweiht. Aber mangels harter Beweise ist es bis heute der internationalen Fahrradgeschichte-Konferenz nicht gelungen, diesen Widerspruch aufzulösen.

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