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Yücel über Erdogans Aufstieg : Und morgen die ganze Türkei

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Eine gelenkte Demokratie, oder eine plebiszitäre Diktatur: Das ist heute die Türkei, die Erdogan nach seinem Willen geformt hat. Pressefreiheit gehört nicht zu ihren Tugenden. Bild: dpa

Wer in der Türkei seine Stimme erhebt, dem geht es wie dem Korrespondenten der „Welt“, Deniz Yücel. Er wird seit Tagen von der Polizei festgehalten. Zuvor hatte er beschrieben, wie Erdogan an die Macht kommen konnte. Ein Nachdruck.

          Die Story war zu gut, um ihr nicht zu verfallen: Da kommt einer aus kleinen Verhältnissen, aus einer rauhen, proletarischen Gegend wie dem Istanbuler Werftenviertel Kasimpasa und legt sich mit den Machthabern an. Mehr noch, es ist einer aus dem frommen und armen Teil der Gesellschaft, der seit den Tagen der Republikgründung belächelt, marginalisiert oder gar bekämpft wurde. Ein „schwarzer Türke“, wie er sich selber bezeichnet, ein Wort der Soziologin Nilüfer Göle aufgreifend, die die ungebildeten, religiösen Unterschichten einerseits und die säkulare, wohlhabende Oberschicht andererseits als „schwarze und weiße Türken“ bezeichnet hatte.

          So einer also vollbringt ein wahres Wunder: Er versöhnt nicht nur das Milieu, dem er entstammt – den politischen Islam –, mit der Demokratie; er erweist sich zudem als verlässlicherer Demokrat als jene Eliten, die jahrzehntelang das Sagen im Land hatten. Und nebenbei zerrupft er Samuel Huntingtons These vom „Clash of civilizations“. Die Rede ist von Recep Tayyip Erdogan, ab 2003 Regierungschef und seit 2014 Staatspräsident der Türkei.

          Fast alle Korrespondenten waren geradezu vernarrt in diese Geschichte. Ganz ähnlich klang es insbesondere bei Politikern der Grünen und der SPD oder, in der kühlen Eleganz des Brüsseler Sprechs, in den „Fortschrittsberichten“ der EU. Das Wohlwollen war vorschnell und naiv, unbegründet war es nicht. Und diese Stimmen in Europa – darunter jene, die sich frühzeitig für einen EU-Beitritt der Türkei stark gemacht hatten – standen nicht allein. Auch viele liberale und linke Intellektuelle in der Türkei blickten wohlwollend auf Erdogan.

          „Die Demokratie ist ein Mittel, kein Ziel“, hatte dieser noch in den 1990er Jahren gesagt, „eine Straßenbahn, von der wir abspringen, wenn wir am Ziel sind.“ Nicht alle Intellektuellen nahmen ihm ab, dass er diese Ansicht abgelegt habe. Aber viele von ihnen vertrauten darauf, dass die Macht ihn mäßigen würde. Und sie argumentierten, dass eine Demokratisierung nur möglich sei, wenn sich das islamisch-konservative Milieu ebenfalls demokratisiere. Das war erklärtermaßen Erdogans Programm.

          Die Putschisten vom 12. September 1980 meinten, dass das Land den Islam brauche. Sie erklärten die „Türkisch-Islamische Synthese“, also einen religiösen Nationalismus, zur Staatsideologie. Der sunnitische Islamunterricht wurde als Pflichtfach in der Verfassung verankert und der Ausbau von religiösen Gymnasien vorangetrieben – im Einklang mit dem Westen, wo man zwar die Iranische Revolution von 1979 fürchtete, aber bald darauf in Afghanistan erkannt hatte, dass sich der Islam als probates Mittel zur Eindämmung der sozialistischen Linken eignete. Der Putsch hatte maßgeblichen Anteil daran, dass sich die türkische Gesellschaft nicht nur wirtschaftlich öffnete, sondern zugleich islamisierte.

          Anderthalb Jahrzehnte später trug die Entwicklung politische Früchte: Necmettin Erbakan, Führer der islamistischen Milli-Görüs-Bewegung und Erdogans politischer Ziehvater, wurde mit seiner Wohlfahrtspartei stärkste politische Kraft und bildete zusammen mit der konservativen DYP Tansu Çillers eine Koalitionsregierung.

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