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Yücel über Erdogans Aufstieg : Und morgen die ganze Türkei

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Nun meinten die Militärs, dass das Land wieder einen Schuss Laizismus brauche. Erbakan wurde mit einer „kalten“ Militärintervention vom 28. Februar 1997 aus dem Amt gedrängt. Die Wohlfahrtspartei wurde verboten, im Staatsapparat setzten Säuberungen ein, Hunderte landeten wegen „Bestrebungen gegen die laizistische Ordnung“ in den Gefängnissen. Auch Erdogan wurde abgesetzt und wegen eines Gedichts von Ziya Gökalp, das er auf einer Kundgebung rezitiert hatte, zu einer Haftstrafe verurteilt und mit einem Politikverbot belegt.

Diese Haftstrafe bildet den Grundstein für den Opfermythos, dessen er sich bis heute bedient. Doch zunächst zog er eine andere Lehre: Er hatte erkannt, dass mit Erbakans Islamismus im wahrsten Sinne des Wortes kein Staat zu machen war. Der politische Islam musste sich reformieren. Und die alte politische Klasse musste ihm den Gefallen tun, sich zu diskreditieren.

Es waren zwei Ereignisse, ohne die die AKP wohl nicht an die Macht gekommen wäre. Das erste war das Erdbeben vom 17. August 1999 an der östlichen Marmaraküste, dem 17 480 Menschen zum Opfer fielen. Der türkische Staat erwies sich als unfähig, in einem erdbebengefährdeten Gebiet Bauvorschriften durchzusetzen. Und während eine private türkische Hilfsorganisation Menschen aus den Trümmern barg und griechische Löschflugzeuge den Großbrand in der Raffinerie Kocaeli bekämpften, erwies sich der türkische Staat als inkompetent. Das krasseste Zeichen: Zelte aus dem Ersten Weltkrieg – deutsche Fabrikate aus Beständen der Reichswehr –, die man unter den Menschen verteilte. Erdogan hingegen hatte schon als Oberbürgermeister seiner Verwaltung eingebleut, dass sie vor allem eine Aufgabe habe: den Bürgern zu dienen. Auch wenn das mit einem Nepotismus verbunden war, der in der Regierungszeit der AKP exorbitante Ausmaße erreichen sollte, war dieses Selbstverständnis etwas anderes als das selbstherrliche Gebaren der alten Bürokratie.

Als noch gravierender erwies sich die Finanzkrise von 2001. Sie hatte zwar tiefliegende Ursachen – das marode Bankensystem, die ineffizienten Staatsbetriebe, Korruption, Inflation, Auslandsverschuldung –, doch ausgelöst wurde der Börsencrash vom 19. Februar 2001 durch einen Streit zwischen dem kemalistischen Staatspräsidenten Ahmet Necdet Sezer und dem kemalistisch-sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Bülent Ecevit. Doch der Zorn vieler Bürger traf das gesamte politische Establishment. Die Zeit war reif für etwas Neues: die AKP. Bei der Parlamentswahl im Jahr darauf wurde sie mit 34,3 Prozent auf Anhieb stärkste Partei. Für eine Alleinregierung hätte es nicht gereicht, wenn nicht eine weitere Hinterlassenschaft der Putschisten von 1980 gewesen wäre: Diese hatten in der Verfassung eine Hürde von zehn Prozent verankert. Außer der AKP schaffte nur die kemalistisch-sozialdemokratische CHP den Sprung ins Parlament, während 46,3 Prozent der Wählerstimmen ohne Repräsentation im Parlament blieben. Noch einmal erwiesen sich die Militärs als unfreiwillige Helfer des politischen Islams.

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