https://www.faz.net/-gqz-70dty

Erdbeben in Norditalien : Der Eistee wirft Wellen, die Laterne hält

  • -Aktualisiert am

Risse in Tor und Existenzgrundlage: Der beschädigte Durchgang zu einer Bar in San Benedetto Bild: Rainer Meyer

Planen statt Stuckaturen, weiße Plastikstühle statt geschnitzten Bänken: Auf dem Markt von San Benedetto sitzen die Menschen und warten auf das nächste große Beben.

          3 Min.

          Der Palazzo del Te in Mantua gilt mit seiner Rusticoarchitektur und seinen bukolischen, lebensfrohen und freizügigen Malereien als Gipfel im Schaffen des Künstlers Giulio Romano. Jungfrauen penetrierende Götter und stürzende Titanen, das konnte er. Aber wie es mit Gipfeln so ist, es geht dann abwärts, und auf dem Lebensweg von Romano etwas weiter unten steht die Überformung des Klosters San Benedetto in Polirone, zwanzig Kilometer südlich von Mantua am Po gelegen. Bei dieser Klosteranlage, 1077 gegründet und im hohen Mittelalter sagenhaft reich, mussten Romano und dessen Söhne auf Glaubensinhalte und einen verkorksten Umbau in der späten Gotik Rücksicht nehmen. Und unter all den stuckierten Verkrustungen und den Gemälden, zweitrangigen Figuren und überladenen Seitenaltären schlummert die erhabene Bausubstanz der Romanik. Dem Pilger, der heute das Kloster besucht, mag das Bunte gefallen. Aber der Kunstliebhaber, der im Kreuzgang an den Säulen die fein gemeißelte Qualität der Erbauungszeit findet, wünscht sich, die neueren Zutaten würden fallen, und dahinter käme das Unverfälschte der großen Zeit von San Benedetto zum Vorschein.

          Glück im Unglück: Hier löste sich ein Brocken von Giulio Romanos Stuck und verfehlte den Priester nur knapp
          Glück im Unglück: Hier löste sich ein Brocken von Giulio Romanos Stuck und verfehlte den Priester nur knapp : Bild: Rainer Meyer

          Am 29. Mai war es so weit, oberhalb von Don Albino ging der Wunsch ein Stück weit in Erfüllung, und ein Brocken von Romanos Stuck löste sich aus der Decke. Er verfehlte ihn nur knapp. Andere Brocken waren nicht so dreist und hielten respektvoll beim Sturz Abstand vom Priester, bevor sie auf dem Marmor des Kirchenbodens zerschellten. Kunstsinnige jedoch, die sich für die darunter liegenden Bauphasen interessieren, werden leer ausgehen: Die Kirche ist für das Publikum geschlossen. Wie die meisten Kirchen, die vom Po aus Richtung Süden die Dörfer zieren. Manche wie San Benedetto sind zugesperrt und mit rotweißen Bändern abgeriegelt. Andere Kirchen, weiter im Süden, haben sich selbst die halbe Fassade vor den Eingang gekippt und den Eingang verrammelt. San Benedetto geht es dagegen wie Don Albino: Man hatte Glück im Unglück.

          Es hätte ihn schwerer treffen können

          Jetzt steht Don Albino mit Arbeitshose und grobem Hemd in einem Zelt auf dem Platz vor der Klosteranlage und legt sich das Nötigste für den Gottesdienst bereit. Es ist Sonntag, San Benedetto ist nicht nur Geschichte, sondern auch eine Kirchengemeinde, es muss weitergehen. Gegenüber ist das kommunistische Haus des Volkes, dort sitzen alte Männer unter den Arkaden, warten auf das nächste Beben. Vielleicht kommen sie nachher herüber und nehmen teil, jetzt, da die Kirche wieder so arm und schmucklos ist, wie es der Handwerkersohn Jesus eigentlich haben wollte und wie es von den reichen Mönchen und Romano vergessen wurde.

          Da steht eine Kerze zwischen zwei Blumentöpfen auf einem rohen Holztisch, eine kleine Patene für die Hostien, ein Kelch und ein Kreuz. Es gibt keine Stuckaturen mehr, nur noch Planen, keine geschnitzten Bänke, sondern weiße Plastikstühle wie im Haus des Volkes auch.

          Senkrecht durch die Uhr: Ein großer Riss an der Südseite des Campanile. Dort hatte man ohnehin schon Gerüste für die Restaurierung stehen.
          Senkrecht durch die Uhr: Ein großer Riss an der Südseite des Campanile. Dort hatte man ohnehin schon Gerüste für die Restaurierung stehen. : Bild: Rainer Meyer

          Don Albino erzählt von den Ereignissen des 29. Mai mit dem Gleichmut eines Mannes, den es schwerer hätte treffen können. Ein Riss ist im Glockenturm aufgetreten, senkrecht durch die Uhr, aber dort hatten sie schon Gerüste für die Restaurierung stehen. Die Wucht des Erdbebens hat die fünf Meter hohe Laterne auf der Kuppel nicht nur horizontal zerrissen, sondern auch hochgehoben und verdreht. Am Tag darauf sollen die Bautrupps schauen, was man auf die Schnelle tun kann. Wenn nicht wieder ein Beben kommt. Es wird am Sonntagabend um zehn Uhr kommen, 5.1 auf der Richterskala, und alles wird schwanken. Aber auch dann hat Don Albino Glück: Die Laterne hält.

          Alle achten auf die kleinen Zeichen

          Schräg gegenüber ist ein Tordurchgang, dessen Gewölbe das Beben zerrissen hat. Stahlrohre sichern das Gebäude, Zäune verwehren den Zutritt, aber daran klebt neben den Verbotsschildern ein Zettel mit der Aufschrift „Bar Aperto“. Wer in San Benedetto nicht im Haus des Volkes sitzt, hockt hier neben dem Renaissancetor und schaut zur Kirche. Der Mensch gewöhnt sich an alles und Mauro, der mit seiner Familie die Bar betreibt, hat sich an die verschraubten Stahlträger gewöhnt, die bis in sein Lokal ragen. Oben ist es noch schlimmer, sagt er, und zeigt auf dem Mobiltelefon Bilder von den Rissen, in denen die Wände geplatzt sind, als wären sie verkochte Tortelli. Leider kann man nicht hinauf, Einsturzgefahr. Darunter gibt es Eistee, denn es ist heiß. Schau, sagt der Begleiter und deutet auf seinen Espresso. Er wirft Wellen. Ein kleines Erdbeben, wie dreißig, vierzig andere pro Tag, kaum zu spüren, das Epizentrum ist wohl weiter im Süden.

          Sie sind gelassen, aber auch aufmerksam. Sie achten auf kleine Zeichen. Man gewöhnt sich an alles, auch an den kleine Wellen werfenden Eistee neben den Stahlträgern unter Tonnen einer brüchigen Toranlage der Renaissance. Mauro bringt ein Fernglas, damit man die Schäden an der Kirche besser sehen kann. Die Hände der Heiligenfiguren haben schon letztes Jahr gefehlt. Und der Boden und der Stuck im Palast des Abtes neben der Kirche bröckelten ohne Erdbeben. Die Erschütterungen nutzen nur die Schwächen aus.

          Natürlich hat Mauro Sorgen, die Risse sind im Tor und in seiner Existenzgrundlage. Er fürchtet sich vor the big one, dem nächsten großen Beben, wie alle. Aber man kann nur warten, sitzen, in Gemeinschaft auf den Stühlen vor dem Zelt und auf den Platz schauen, auf dem an Sommerabenden Opern, Konzerte und Theaterstücke aufgeführt werden, wenn nicht das Erdbeben gastiert. Das alles ist jetzt verschoben, „La Traviata“ ist gestrichen, schlimm für San Benedetto, wo es doch so unterhaltsam war. Unter den Arkaden hängen die italienischen Fahnen vom letzten Jahr, als man hundertfünfzig Jahre Einheit feierte, ein leichter Wind streift über den Platz, Kinder drehen das Karussell der Bar, ein Mann steht am Haus des Volkes auf, geht hinüber zum Zelt von Don Albino und schaut es sich an. Komm und siehe, schreibt Johannes in der Apokalypse. Sie kommen hierher und sehen. Alle achten auf die kleinen Zeichen. Und auf das Große, das sie bedeuten.

          Weitere Themen

          Theater und die Kunst zu leben Video-Seite öffnen

          Spielplanänderung – Folge 6 : Theater und die Kunst zu leben

          In dieser Folge der „Spielplanänderung“ kehren wir zum wahren, schönen Leben zurück: Sardanapal ist nicht nur tragischer König und Bühnenheld, sondern vor allem ein Genießer des schönen Lebens. Zusammen mit dem langjährigen Volksbühnen-Dramaturgen Carl Hegemann erkunden wir Parallelen zwischen diesem König, der keiner sein will und heutigen politischen Disputen.

          Topmeldungen

          Hessens Innenminister Peter Beuth und SEK-Beamte im Jahr 2017

          Polizeiskandal in Hessen : Muckibude von Rechtsextremen

          Der Skandal um rechtsextreme Chats bei der Polizei wird immer größer. Im Zentrum steht ausgerechnet das SEK. Wer dessen Räume betrat, sollte staunen. Ein Fall von übersteigertem Elitebewusstsein?

          Corona in Großbritannien : Warum in London nun 60.000 Fans ins Stadion dürfen

          Der britische Premierminister Johnson hat weitere Corona-Lockerungen gerade erst verschoben, nun gibt er dem Druck der Uefa nach und lässt 60.000 Fans ins Stadion – drei Mal so viele wie geplant. Das soll Teil eines Forschungsprogramms sein.
          Rechtfertigt sich in einem Interviewbuch: der 91 Jahre alte frühere katalanische Regierungschef Jordi Pujol

          Katalanischer Politiker Pujol : Bereichert wie die amerikanische Mafia

          Jahrelang soll sein Sohn Taschen voller 500-Euro-Scheine nach Andorra gebracht haben. Jetzt kommen der frühere katalanische Regionalpräsident Jordi Pujol und seine Familie wegen Korruptionsverdachts vor Gericht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.