https://www.faz.net/-gqz-7av2y

„Laurence Anyways“ im Kino : Er ist sie und bleibt bei ihr

  • -Aktualisiert am

Laurence (Melvil Poupaud) findet sich gegen alle Widerstände selbst. Bild: NFP/Shayne Laverdière

Frédérique und Laurence sind ein Paar. Doch die Klischees von Mann und Frau greifen bei ihnen nicht. Der Regisseur Xavier Dolan erzählt in seinem Film „Laurence Anyways“ von den Zwischenräumen der Geschlechterordnung.

          2 Min.

          Über dem Bett von Fred und Laurence hängt eine Reproduktion der „Mona Lisa“. Die schönste (und geheimnisvollste) Frau des Abendlands wacht da also über eine Beziehung, die sich dezidiert nicht mit Mittelmaß abgeben will. Doch ist das, was wir zu Beginn von Xavier Dolans drittem Film „Laurence Anyways“ sehen, noch gar nichts gegen das, was dann noch kommt. Fred und Laurence sind ein heterosexuelles Paar, auch wenn die Namen schon darauf verweisen, dass die Sache vielleicht ein wenig komplizierter ist.

          Die burschikose Frédérique, die ihre Haare immer wieder zu auffälligen Skulpturen hochsteckt, ist wild, trinkt gern, lebt in den Tag hinein. Ihre Schauspielkarriere will nicht so richtig in Schwung kommen. Laurence (Melville Poupaud) ist ein Poet, er unterrichtet Literatur, die Mädchen in seiner Klasse sind schön, er sieht sie manchmal gedankenverloren an. In ihm ist etwas, das heraus muss, etwas, das niemand weiß, nicht einmal Fred. Sie wird zuerst mit der Tatsache konfrontiert, um deren Verarbeitung es in dem Film geht: Laurence ist eine Frau, im Körper eines Mannes. In dem Moment, in dem er das nicht mehr für sich behält, überschreitet er eine Grenze - „la démarcation sociale“, die im liberalen Montréal genauso gilt wie anderswo. Laurence exponiert sich, und schon bald sieht er sich auf eine Außenseiterrolle verwiesen, die er mit großem Pathos annimmt. ECCE HOMO, das schreibt er noch an die Tafel, bevor er die Schule verlässt. Die Elternvereinigung hat ihm das Misstrauen ausgesprochen.

          Untrennbar: Melvil Poupaud als Laurence und Suzanne Clément als Fred.
          Untrennbar: Melvil Poupaud als Laurence und Suzanne Clément als Fred. : Bild: NFP/Shayne Laverdière

          Als Xavier Dolan 2009 im Alter von knapp 20 Jahren mit „Ich habe meine Mutter getötet“ debütierte, sprachen manche von einem Wunderkind. Ein junger, schwuler Regisseur mit einem starken Stilwillen, so jemand trifft im Weltkino immer noch eher auf eine Marktlücke als auf Verwechslungsgefahr. In „Laurence Anyways“ scheut Dolan nun auch vor starken Gesten nicht zurück. Er orchestriert die Geschichte von Laurence als eine „Schicksalssymphonie“, sowohl auf der Ebene des Soundtracks als auch auf der seiner zahlreichen filmischen Ideen. Dabei erweist er sich als guter Gestalter dramatischer Szenen, etwa wenn Laurence einen wichtigen Brief erhält, den aber seine Freundin ahnungslos öffnet, während er sie nicht hören kann, weil er Kopfhörer trägt und an Gedichten arbeitet. Das ist einer von vielen durchaus plakativen Momenten, die Dolan aber mit anderen, eher kontemplativen in Balance hält. Wie überhaupt es die Musik zu sein scheint, an der er sich erzählerisch orientiert, in rhythmischer Dramaturgie.

          Skeptischer Blick: Julienne, die Mutter von Laurence, gespielt von Nathalie Baye
          Skeptischer Blick: Julienne, die Mutter von Laurence, gespielt von Nathalie Baye : Bild: NFP/Shayne Laverdière

          Die originäre Idee in „Laurence Anyways“ ist allerdings eine, die ganz einfach auf der Ebene der Figuren zum Tragen kommt. Dolan lässt uns an der „Metamorphose“, wie das die Mutter des Protagonisten einmal nennt, in einer interessanten Brechung teilhaben. Er interessiert sich nämlich für Fred genauso stark wie für Laurence, und weil die beiden auch beschließen, ihre Beziehung nicht aufzugeben, sondern zu verwandeln, entsteht ein genuines Melodram mit einer entscheidenden konzeptuellen Verschiebung: das unmögliche Begehren stößt hier nicht an die Grenze des abwesenden oder zurückweisenden Objekts, sondern an eine Grenze, die zugleich im Sozialen und durch die Identität verläuft. Wie Dolan diese Fred (Suzanne Clément) dabei zu einer intensiven Schmerzensfigur werden lässt (beinahe stärker noch als Laurence, der zwar einmal ziemlich übel zugerichtet aus einer Bar nach Hause kommt, aber eigentlich im Vergleich recht gelassen schrittweise das Geschlecht wechselt), das zeugt davon, dass Geschlecht eben nicht nur eine Kategorie der Identität ist, sondern des „Dazwischen“. Diesen Bereich erforscht „Laurence Anyways“ als bilderstürmerisches Epos des „(nicht) Ich Seins“.

          Weitere Themen

          Der große Gleichmacher

          Klimawandel : Der große Gleichmacher

          Kapitalismus ist das Problem und nicht die Lösung: Wir sollten aufhören, Begriffe wie „Klimawandel“ und „CO2-Ausgleich“ zu benutzen – und endlich handeln. Ein Gastbeitrag.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.