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Gartenkolumne : Wachstum aus Verzicht

Eins der ältesten Vorbilder: Besucher am Garten des Ryoan-ji-Tempels in Kyoto. Bild: Picture-Alliance

Japanische Zen-Gärten bestehen aus kaum mehr als Sand, Steinen und ein bisschen Moos. Wer sich in sie versenkt, kann ein Stück jener Leere begreifen, die im fernöstlichen Denken so zentral ist.

          2 Min.

          Viele Wege führen zum Erwachen. Der Teeweg, der Blumenweg, der Weg der Dichter und der Tuschmalerei – sie alle sollen zu Satori, dem geistigen Erfassen von „Shunyata“ führen, wie japanische Zen-Buddhisten jene „Leere“ nennen, die nur selbstvergessen erfahrbar wird. Im fernöstlichen Denken firmiert sie als Gegenbegriff zur „Substanz“ der westlichen Metaphysik. Zazen, das Meditieren im Sitzen, und die „Koans“, paradoxe Rätselsprüche, sollen zum Erwachen des Bewusstseins und zur Erkenntnis der Substanzlosigkeit alles Seienden führen. „Leer werden. Leere ertragen. Leere verstehen“, schreibt Marion Poschmann in ihrem Gedicht „Schierklar“.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Poschmann hatte die Leere – was auch immer sie darunter „versteht“ – 2014 unter anderem im berühmtesten aller japanischen Gärten erfahren. Im Hojo-Teien der Tempelanlage Ryoan-ji, die Mitte des 15. Jahrhunderts im Nordwesten der einstigen japanischen Hauptstadt Kyoto gegründet wurde und seit 1994 zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. Hier wurde um 1500 ein abstrakter Steingarten, nicht größer als ein Tennisplatz, angelegt: im Kare-san-sui-Stil (kare: trocken, san-sui: Berg-Wasser). Fünfzehn Steine in fünf bemoosten Gruppen sind asymmetrisch in einem symbolischen Meer wellenförmig geharkter Kiesel gruppiert. Auf einer Sitzterrasse lässt sich der Trockengarten überschauen, denn Zen-Gärten laden nicht zum Schlendern, sondern zur meditativen Betrachtung im Sitzen ein, denn Zen heißt „Versenkung.“

          Asymmetrie und Abstraktion

          Das war einmal anders. Japanische Gärten gehen nämlich auf taoistische Vorbilder aus China zurück, in denen Yin und Yang, das Weiche/Weibliche und das Harte/Männliche in Polarität und Einheit dargestellt wurden. Doch nicht im reduzierten Trockenstil, sondern mit üppigen Blumenanlagen und künstlichen Teichen. Als die engen Beziehungen zu China im frühen 10. Jahrhundert abbrachen und nur noch reisende Mönche die Ästhetik des Chan-Buddhismus in Japan verbreiteten, zog ein neuer Geist in die Vergnügungsgärten des japanischen Adels ein: Asymmetrie und Abstraktion statt Landschaftsgärten, welche die kosmische Ordnung und den Wechsel der Jahreszeiten repräsentieren sollten, Moos statt blühender Sträucher.

          Leere ertragen, leere verstehen: Garten mit Nachbildung des Fuji am Tempel in Higashiyama, Kyoto.
          Leere ertragen, leere verstehen: Garten mit Nachbildung des Fuji am Tempel in Higashiyama, Kyoto. : Bild: Picture-Alliance

          Der allmähliche Übergang vom chinesischen zum Zen-Garten lässt sich ebenfalls in Kyoto besichtigen. In der Tempelanlage des Tenryu-ji hat der berühmte Gartenarchitekt Muso Soseki um 1343 einen bis heute originalgetreu erhaltenen Garten geschaffen: im Stil des Chisenkaiyu-shiki, was soviel wie Spazierengehen heißt. Auch dieser Landschaftsgarten gehört zum Weltkulturerbe. Der strenge Trockenstil dagegen entwickelte sich erst, als Kyoto nach dem Onin-Bürgerkrieg (1467 bis 1477) in Trümmern lag. Nicht nur die (Nicht-)Seinserfahrung namens „Shunyata“, auch die Armut zwang die Gärtner, die oft auch Dichter waren, zum Sparen. Steine, die Tiere und Berge symbolisieren sollten, ersetzten lebendige Pflanzen. So entstand Ryoan-ji – aus dem Verzicht.

          Spezialität für Eingeweihte

          Um 1600 kehrten die Landschaftsgärten mit ihren Teichen und Inseln, Brücken und Steinwegen zurück und eroberten mit ihren Laternen und Teehäusern sogar machen Fürstengarten im Europa des 18. Jahrhunderts. Japanische Gärten gibt es heute zuhauf in Deutschland: in den „Gärten der Welt“ in Berlin/Marzahn-Hellersdorf, in Bonn, Düsseldorf, Kaiserslautern und vielen anderen Städten. Die wenigsten kommen ohne Pflanzen und Wasser aus. Trockene Zen-Gärten blieben eine Spezialität für Eingeweihte, die den Weg zu Satori beschritten haben. Wie die Adepten des Benediktushofs in Holzkirchen bei Würzburg. Aber auch sie meditieren an einer „verborgenen Quelle“, die den kiefernbeschatteten Garten durchsprudelt.

          Ein echter Trockengarten lässt sich heutzutage auch in holzgerahmtem Miniaturformat auf dem heimischen Schreibtisch plazieren. Oder im Internet: Der Künstler Yuki Kawae etwa nutzt die Möglichkeit eines transportablen Zen-Gartens auf Instagram, wo er seine Videos postet. Mit einem winzigen Rechen zieht er dort wellenförmige Linien durch den Sand – zur Entspannung sogenannter Nutzer. Damit wird der Zen-Garten und mit ihm Shunyata zum leistungssteigernden Wellnessprodukt herabgewürdigt.

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