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„Entkolonialisierung“ : Gegenaufklärung

  • -Aktualisiert am

Bereits in Oxford wurden Stimmen laut, die Institution müsse „entkolonialisiert“ werden: Die Statue des Kolonialisten Cecile Rhodes sollte entfernt werden. Wird so Geschichte aufgearbeitet? Bild: AP

Die Studentenbewegung der Londoner School of Oriental and African Studies will keine weißen Philosophen mehr im Lehrplan. Sie gefährdet damit die freie Lehre.

          Die Idee der geistigen „Entkolonalisierung“, die durch das angelsächsische Universitätswesen spukt, hat nun auch die Londoner School of Oriental and African Studies (Soas) erreicht. Sie war vor hundert Jahren, zu Zeiten des Empire, gegründet worden, um dem eurozentrischen Weltblick entgegenzuwirken. Studenten der Hochschule wollen, dass „weiße Philosophen“ weitgehend vom Lehrplan entfernt werden.Da das Blickfeld des College auf Asien und Afrika gerichtet sei, sollten die theoretischen Grundlagen durch das Werk von Denkern aus Asien, Afrika oder der Diaspora dargeboten werden, heißt es in einer Erklärung der Studentengewerkschaft.

          Darin formuliert sie die „Bildungsprioritäten“ für die Änderungen, die sie erwirken will. Der Aufruf trägt den Titel „Die weiße Institution konfrontieren“: „Sofern westliche Philosophen erforderlich sind, soll ihr Werk aus einer kritischen Warte gelehrt werden“, schreibt die Gewerkschaft. So sei etwa „der koloniale Zusammenhang“ zu berücksichtigen, „in dem die sogenannten Philosophen der ,Aufklärung‘ geschrieben haben“.

          Nicht begriffen, dass kritisches Denken zu den Grundfesten zählt

          Der Soziologiedozent Kahinde Andrews rechtfertigte die Initiative der Studenten im BBC-Fernsehen und wurde noch deutlicher. Es gelte, vom westlichen Kanon Abstand zu nehmen, der auf der „rassistischen“ Aufklärungsidee basiere, der zufolge die europäische Bildung dazu diene, die „Wilden“ zu zivilisieren. Die Verfasser des Studenten-Papiers haben offensichtlich nicht begriffen, dass kritisches Denken zu den Grundfesten einer Hochschulausbildung zählt.

          Wie die Oxforder Kampagne für die Entfernung der Statue des Kolonialisten Cecil Rhodes und ähnliche Aktionen, verkennen die Studenten, dass ihre doktrinären Vorstellungen die freie Lehre gefährden. Wenige Tage bevor ihre Forderung publik wurde, lieferte die Universität Glasgow mit der Warnung, dass Theologiestudenten bei einem Bibelkurs durch die Kreuzigung Jesu erschüttert werden könnten, ein weiteres Beispiel für die absurden Ausmaße der Rücksichtnahme auf politisch-korrekte Empfindlichkeiten. Die Universität verwies auf ihre Sorgfaltspflicht. Sie müsse auf Material hinweisen, das „potentiell beunruhigend“ sei.

          Zu zart, um sich den Herausforderungen der Wirklichkeit zu stellen

          In diesem Zusammenhang sind die gravierenden Bedenken zu verstehen, die das Oberhaus veranlassten, gegen das neue Hochschulgesetz zu stimmen. Die Regierung glaubt durch die Förderung des Wettbewerbs im Hochschulwesen das Niveau des Unterrichts und die soziale Mobilität steigern zu können. Den Kern der Reform machen Zufriedenheitsbewertungen der Studenten aus. Sie dienen der Aufsichtsbehörde dazu, schnell regulierend einzugreifen – oder, wie Kritiker einwenden, sich dem Regiment der „Schneeflocken“-Generation zu unterwerfen, die zu zart ist, um sich den Herausforderungen der Wirklichkeit zu stellen.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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