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Enthüllungsbuch über Strauss-Kahn : Pudel oder Schwein?

Die Journalistin Marcela Jacub schreibt über ihre Liaison mit Dominique Strauss-Kahn, der im Buch nie beim Namen genannt wird - aber auf einer einzigen Seite dreiundvierzigmal ein Schwein. Bild: REUTERS

Skrupelloses Expermiment: Die Philosophin Marcela Jacub ließ sich mit Dominique Strauss-Kahn ein, um anschließend ein Buch über ihn zu schreiben. „Belle et bête“ ist mittlerweile nur noch mit Beipackzettel erhältlich.

          „Du warst alt, du warst dick, und du warst hässlich. Du warst ein Macho, du warst vulgär, du warst gefühllos und kleinlich. Du warst egoistisch, du warst brutal und kulturlos. Und ich war verrückt nach dir.“ Allerdings, so liest man im nächsten Satz, habe zwischen dem Charakter dieses „Schweins“ und den „ozeanischen Gefühlen“ einer Philosophin kein „kausaler Zusammenhang“ bestanden. Reiner Zufall.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          So steht es in „Belle et bête“. Geschrieben hat das Buch Marcela Jacub, eine linke und libertäre Intellektuelle, die jede Woche eine Kolumne in „Libération“ veröffentlicht. Es handelt von dem 2011 in New York wegen des Verdachts auf Vergewaltigung festgenommenen Politiker Dominique Strauss-Kahn, der im Buch nie beim Namen genannt wird - aber auf einer einzigen Seite dreiundvierzigmal ein Schwein. Der Titel „Belle et bête“ ist eine Anspielung auf „Die Schöne und das Biest“. In der Verkürzung bedeutet er aber nur noch „Schön und dumm“. Das Buch ist weder das eine noch das andere. Auf dem Umschlag grunzt ein Ferkel, daneben stehen Stöckelschuhe. Das skrupellose Machwerk darf vom Verlag, den seriösen Editions Stock, laut einem vorgestern ergangenen Gerichtsurteil nur mit einer Packungsbeilage ausgeliefert werden: „Verstößt gegen die Privatsphäre“.

          Opfer feministischer Hysterie

          „Schön und dumm“ war im Verlagsprogramm nicht angekündigt. Die Zeitschrift „Nouvel Observateur“ durfte zur Lancierung einen Vorabdruck und ein Interview mit der Verfasserin publizieren. Die schockierte Redaktion des „Nouvel Observateur“ hatte von der Geheimaktion ihres Herausgebers und des Literaturchefs keine Ahnung. Da „Libération“ Bücher der eigenen Mitarbeiter nicht bespricht, widmete das Blatt seiner Kolumnistin eine mehrseitige Titelgeschichte. In „Le Monde“ wiederum protestierte die Schriftstellerin Christine Angot (die mit „Inzest“ einen vielbeachteten Skandalroman geschrieben hat) auf einer ganzen Seite dagegen, dass der „Nouvel Observateur“ Marcela Jacub mit ihr verglichen hatte. Auch Marie Darrieussecq („Schweinisch“) und Klassiker wie Laclos’ „Gefährliche Liebschaften“ wurden zum Vergleich bemüht. Eine Reihe von Verlagsfrauen distanzierte sich in einer Petition angewidert vom Vorgehen der Philosophin.

          Marcela Jacub hatte vor einem Jahr ein Plädoyer zur Verteidigung von Dominique Strauss-Kahn veröffentlicht und ihn darin zum Opfer feministischer Hysterie und Moral erklärt. Strauss-Kahns Gattin Anne Sinclair, die damals noch mit dem Politiker zusammenlebte, gratulierte ihr dazu in einem Brief. So kam es zum Kontakt mit Strauss-Kahn. Marcela Jacub ging mit ihm ein Verhältnis ein, in der erklärten Absicht, ein Buch darüber zu schreiben. Sieben Monate dauerte die Liaison - es war die Zeit, als gegen den einstigen Chef des Internationalen Währungsfonds, nach dessen Fall François Hollande zum sozialistischen Präsidentschaftskandidaten wurde und die Wahl auch gewann, auch noch wegen Zuhälterei ermittelt wurde.

          Strauss-Kahn als Pudel

          „Halb Schwein, halb Mensch“ sei Strauss-Kahn, befindet Marcela Jacub nach ihrem Tierversuch am Mann. Sie verteidigt die Freiheit der Schweine, die man nicht einsperren dürfe. Das Labor ihrer Feldstudien war ihre kleine Pariser Wohnung. Alles sei wahr, nur bei den Bettszenen habe sie die Magie der Fiktion bemüht, beteuert sie. Auch mit der nichts ahnenden Anne Sinclair hatte sie ein Gespräch geführt. „Es ist doch völlig normal, vom Zimmermädchen eine Fellatio zu verlangen“, soll die Gattin erklärt haben.

          Strauss-Kahn und Anne Sinclair werden als Angehörige einer Klasse beschrieben, die die Welt beherrscht: mit Geld und Macht. Wie einen „Pudel“ habe Anne Sinclair ihren Mann gehalten, der von ihrem Reichtum beeindruckt gewesen sei. Ihre Obsession wiederum sei es gewesen, einen Juden zum Präsidenten Frankreichs zu machen. Nachdem Marcela Jacub ihrem Liebhaber das Ende der Beziehung mitteilte, habe Strauss-Kahn sich nicht einmal mehr an den Namen ihres kleinen Hundes erinnern wollen. Der hatte den Besucher seines Frauchens nie gemocht und ihn jedes Mal angekläfft.

          Platz eins bei Amazon

          Nach dem Vorabdruck im „Nouvel Observateur“ versuchte Strauss-Kahn das Buch verbieten zu lassen. Persönlich erschien er vorgestern zur Gerichtsverhandlung, der Marcela Jacub fernblieb. Die Anwälte von Strauss-Kahn legten eine E-Mail vor, in der die Philosophin sich bei dem Politiker halbwegs entschuldigt und von Leuten spricht, die sie benutzt hätten, „um dir zu schaden“. Sie bittet ihn darin auch, das Schreiben zu löschen. Seither wird spekuliert, dass auch schon Jacubs Plädoyer für Strauss-Kahn Teil einer Strategie und Verschwörung gewesen sei.

          Sehr schnell fiel das Urteil: Ein Verbot des Buches gibt es nicht, aber die Autorin, die Editions Stock und der „Nouvel Observateur“ werden zu hohen Geldstrafen verurteilt. Das Magazin muss den Wortlaut des Urteils auf einer halben Umschlagseite publizieren, der Verlag im Buch darauf hinweisen, dass der Inhalt die Privatsphäre von Strauss-Kahn verletzt. Für jedes Exemplar, in dem das nicht geschehen sollte, werden fünfzig Euro Strafgeld fällig. Das wird die Auslieferung verkomplizieren und ein bisschen verzögern. Bei Amazon hat es „Belle et bête“ aber schon durch die Vorbestellungen auf Platz eins gebracht.

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