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Enthüllungen um Guantánamo Bay : Wikileaks wird von den alten Partnern düpiert

  • -Aktualisiert am

Die Homepage von Wikileaks zeigt die neuen Informationen über Guantanamo-Häftlinge Bild: dpa

Die Dokumente zu Guantánamo Bay kamen nicht nur durch die von Wikileaks autorisierten Partner ans Licht. Die Plattform hat die Kontrolle verloren. Dabei braucht sie das Spiel mit den Medien zur Spendenbeschaffung.

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          Die Veröffentlichung amerikanischer Berichte über die Insassen des Gefangenenlagers Guantánamo Bay durch verschiedene Zeitungen und Funkmedien zeigt die strukturellen Probleme von Wikileaks auf. Die Plattform für Whistleblower scheint die Kontrolle über ihre Dateien verloren zu haben.

          Am Ostermontag startete eine neue Runde von „Wikileaks-Veröffentlichungen“ mit Berichten aus dem Gefangenenlager Guantánamo Bay. Seitdem die Zeitschrift „Wired“ im Juni 2010 die redigierten Chat-Protokolle zwischen dem amerikanischen Gefreiten Bradley Manning und dem ehemaligen Hacker Adrian Lamo veröffentlicht hatte, war die Existenz dieser „Gitmo Papers“ bekannt. Die Papiere selbst wurden von Wikileaks zurückgehalten. Die Koalition der von Wikileaks im Augenblick „autorisierten Partner“ („Washington Post“, „Miami Herald“, „El País“, „Telegraph“, „Spiegel“, „Le Monde“, „Aftonbladet“, „Repubblica“ und „L'Espresso“) durfte das Material analysieren und für die Publikation aufarbeiten, aber nicht veröffentlichen.

          Doch dann ging alles hopplahopp: Die „New York Times“ und der britische „Guardian“ - die anfangs mit Wikileaks gemeinsame Sache machten, dann aber in Ungnade fielen und nicht mehr zu den „autorisierten Partnern“ gehören - starteten die Veröffentlichung, auch das amerikanische National Public Radio (NPR) war mit von der Partie. Bei Wikileaks erfuhr man vorab davon und erteilte hastig den eigenen Partnern die Freigabe, von der einige Blätter überrascht wurden. In einem Wikileaks zuzurechnenden Text auf Twitter war der angeblich Schuldige schnell gefunden: Der ehemalige Wikileaks-Mitarbeiter Daniel Domscheit-Berg (als „Domschiet“ im Text verunglimpft) habe die „New York Times“ und den „Guardian“ beliefert. Nur Domscheit-Berg könne das Material von Wikileaks weitergegeben haben. Aber das ist pure Behauptung, es sind viele Quellen denkbar. Parallel dazu veröffentlichten der „Guardian“ und die „New York Times“ eigene Stellungnahmen und betonten, das ihnen vorliegende Material nicht von Wikileaks bekommen zu haben.

          Die Kontrolle verloren

          Im Gespräch mit dieser Zeitung dementierte Daniel Domscheit-Berg denn auch jegliche Whistleblowerei. Er wies aber auf die Gefahr hin, dass nicht ausreichend gesichtete und gesäuberte Dateien im Konkurrenzkampf der Medien veröffentlicht werden könnten. Während derzeit unklar ist, wer den „Guardian“, die „New York Times“ und NPR belieferte, ist immerhin klar, dass Wikileaks nicht mehr exklusiver Zulieferer seiner „autorisierten Partner“ ist. Mit der Kontrolle über Dateien hat Wikileaks auch die Kontrolle des Informationsflusses verloren, mit dem gezielt Kampagnenarbeit betrieben wird. Das zeigen beispielsweise die aktuellen Berichte aus Guantánamo Bay. Insgesamt sollen es 779 Berichte sein, von denen Wikileaks bislang nur achtzig veröffentlicht hat. Der „Guardian“ und die „New York Times“ sichteten nach eigenen Angaben hingegen 750 Berichte über Inhaftierte.

          Noch drastischer fallen die Zahlen bei den „Cables“ aus, jenen von amerikanischen Botschaften an das Außenministerium geschickten Lageberichten aus nahezu allen Ländern der Welt. Insgesamt sollen es 250 000 Berichte sein, von denen Wikileaks seit November 2010 genau 7579 veröffentlicht hat, das sind nur rund drei Prozent. Die dosierte Informationsabgabe hat ihren Grund.

          Passend zur nachösterlichen Dateienflut veröffentlichte die Wau-Holland- Stiftung ihren Transparenzbericht 2010 zum Projekt 04, Wikileaks. Die Stiftung, die gemäß ihrer Satzung Spendengelder innerhalb des europäischen Währungsraums für Projekte zur Informationsfreiheit sammelt, nahm dem Bericht zufolge rund 1,3 Millionen Euro Spenden für Wikileaks ein - und gab 400 000 Euro davon nach Vorlage von Rechnungen durch Wikileaks aus. In der Einzelaufstellung der Monate ist gut zu erkennen, dass die Spendenbereitschaft immer dann anstieg, wenn Wikileaks im Zusammenspiel mit den Medien eine spektakuläre Veröffentlichung lanciert hatte. Nach der Veröffentlichung des Videos „Collateral Murder“ über die Tötung von Zivilisten im Irak und nach der Publikation der ersten „Cables“ wuchsen die Einnahmen spektakulär. Rund 54 000 Euro wurden vor den Botschaftsberichten im November 2010 gespendet, während im Dezember 500 000 Euro zusammenkamen.

          Das Spiel mit den Medien

          Die Zahlen der Wau-Holland-Stiftung geben nicht die gesamte Finanzsituation von Wikileaks wieder, da es 2010 noch andere Möglichkeiten zum Spenden gab. Sie belegen aber, dass das orchestrierte Zusammenspiel mit den Medien für Wikileaks durchaus lukrativ ist, auch wenn die einzelnen Partner keinen Cent an das Projekt überweisen. In dem Maße, in dem es Wikileaks mit dem noch vorhandenen unveröffentlichten Material gelingt, die Spendenbereitschaft wieder anzuheizen, bleibt das Projekt überlebensfähig. Dass gleichzeitig der ursprüngliche Anspruch des Whistleblower-Projekts auf der Strecke bleibt, die Welt umfassend über Dinge aufzuklären, die Staaten oder Unternehmen vertuschen wollen, ist in diesem Sinne ein finanzieller Kollateralschaden.

          Stimmen die Angaben von Bradley Manning, so ist ein Ende der Veröffentlichungen abzusehen. Ein zweites Video von einem Luftangriff soll noch vorhanden sein, aber längst nicht so spektakulär ausfallen. Außerdem sollen von den „War Logs“, den Kriegstagebüchern aus Afghanistan, noch 70 000 Einträge übrig sein, die viele Namen amerikanischer Informanten enthalten. Sie müssten besonders sorgfältig bearbeitet werden. Sollten diese Daten - ähnlich wie jetzt die Berichte aus Guantánamo Bay - unkontrolliert weitergereicht werden, könnte es noch einmal besonders gefährlich werden in Afghanistan, für die Truppen der Vereinigten Staaten wie für die anderen Isaf-Kräfte. Bislang haben sich die Medienpartner von Wikileaks, aber auch die „Abtrünnigen“, von Assange geächteten Medien verantwortungsvoll verhalten und bedenkliche Informationen gelöscht.

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