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Entgleiste Reformpädagogik : Dein Lehrer liebt dich

Risse in der Idylle der Ganzheitlichkeit: das Goethehaus der Odenwaldschule Bild: dpa

Die Reformpädagogik wollte das Kind „ganzheitlich“ sehen und erziehen. Nach den Berichten über den Missbrauch an der Odenwaldschule klingen solche Ansprüche fatal. Die Ideologie der Schule als Gemeinschaft neigt dazu, sie in etwas zu verzaubern, was im Extrem unmenschlich ist.

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          Eine „Polis im Kleinen“ hat der Pädagoge Hartmut von Hentig die ideale Schule einmal genannt. Nach den Berichten über den Missbrauch von Schülern an der hessischen Odenwaldschule, dem berühmten, vor hundert Jahren gegründeten Landerziehungsheim, tritt die entsetzliche Möglichkeit, die in dieser Formulierung steckt, zutage. Zwar meinte Hentig, die Schule solle nicht nur den Lehrstoff unterrichten, sondern auch Demokratie, Zivilität, Solidarität, Moral und was man sich noch alles an wichtigen Dingen vorstellen kann. Doch die Wortwahl, die zu „Polis“ griff und damit schönes Griechentum mitbeschwor, ist nicht ohne Symptomwert. Denn es ist das Ideal des schönen und ganzen Lebens, der Gemeinschaft und der Freundschaft, das viele reformpädagogische Diskurse prägt und das hier mitzitiert wird. Dabei war die historische „Polis im Großen“ - von Opferblut dampfend, auf Sklavenhaltung gegründet, päderastisch - ja durchaus nicht so, dass sie sich irgendjemand und gar für Kinder und Jugendliche als soziales Modell wünschen kann.

          Die widerwärtigen Vorgänge in der Ära des Schulleiters Gerold Becker teilen insofern nicht nur etwas über verachtenswerte Lehrer mit. Und auch nicht nur etwas über unsere Verjährungsnormen, wenn schon 1998 der heute abermals bekanntgemachte Verdacht sexueller Missbrauchstaten aus den achtziger Jahren juristisch nicht verfolgt werden konnte. Die Vorgänge enthalten auch Fragen an reformpädagogische Vorstellungswelten und an die Art, wie über Schule und insbesondere über die ideale Schule oft gesprochen wird. Stehen doch im Vokabular vieler Reformpädagogen Worte wie „der ganze Mensch“, „das ganze Kind“, „Leben“ und „Individualität“, „Gemeinschaft“ und „Liebe“ weit oben. Schon die inzwischen übliche Wendung, an den Schulen würden Kinder unterrichtet, gehört zu jenem Vorstellungskomplex: wo es doch nicht Kinder, sondern Schüler sind, die zur Schule gehen, und es in der Regel doch Klassen und nicht Individuen sind, schon gar nicht „ganze Menschen“, die dort unterrichtet werden.

          Aber das Amalgam aus Idealismus, Lebensreform und Sentimentalität, das gern auch im Begriff der „Bildung“ zusammenfließt, will von dieser nüchternen, an Rollen statt an Individuen orientierten Perspektive auf die Schule nichts wissen. Seinen Predigern soll die Schule stets mehr als Schule sein, man solle nicht für sie, sondern für das Leben lernen, weshalb es dann ganz konsequent ist, sich die Schule selbst schon als dieses Leben vorzustellen und ganzheitlich einzurichten. Dass die Übersetzung von „ganzheitlich“ auch „totalitär“ lauten kann, wird dabei nicht mitgehört.

          Ideologie der Schule als Gemeinschaft

          Das gilt umso mehr für die Lehrerrolle. Als Zugang zu ihrer Idealbesetzung wird „pädagogischer Eros“ angesonnen, als hätte der Lehrer die Schüler in irgendeinem Sinne zu lieben und als wäre die Gruppenbiographie der George-Schule ein Handbuch der Erziehung. Gerold Becker selbst, jener Schulleiter, gegen den sich nunmehr also schon seit mehr als zehn Jahren die Vorwürfe richten und der seitdem schweigt, hat über seine Vorstellungen von Landschulerziehung ausführlich gesprochen. Die Lehrer seien, so zitiert er in einem 1996 gehaltenen Vortrag die Idee der Odenwaldschule, „Kameraden und Freunde“ ihrer Zöglinge. Das wird historisch als „unerhörte Veränderung gegenüber der Vorstellung des vor allem Disziplin haltenden, strengen und gerechten Lehrers der ,normalen' staatlichen Schule“ bezeichnet.

          Dort habe sich menschliche Nähe verboten, weil sie die Objektivität des Lehrers beeinträchtigen könnte. Die „emotionale Verstrickung von Schülern und Lehrern“, wie Becker formuliert, sei in Landerziehungsheimen „in der Regel deutlich höher als an Tagesschulen“. Und er hatte als derjenige, der er war und der tat, was er tat, 1996 die Nerven zu sagen, „aufgrund von Erfahrungen in einem ähnlichen Bereich“ nenne er das manchmal das „Diakonissenhaus-Syndrom“ eines Zusammenlebens auf engem Raum, das dazu führe, „dass viele Ereignisse und Verhältnisse, die normalerweise kaum jemanden aufregen würden, mit heftigsten Gefühlen aufgeladen werden“.

          Es führt - muss man es eigens betonen? - kein direkter Weg von undurchdachten pädagogischen Ideen zu Verbrechen. Aber es führt ein Weg von Ideologien zur Verbrämung verlogener Einstellungen. Die Ideologie der Schule als Gemeinschaft und des Lehrers als eines Charismatikers pädagogischer Zuneigung neigt dazu, sie in etwas verzaubern zu wollen, was im Extrem unmenschlich ist. Wer sich darüber beschwert, wenn Schule nur Stoff unterrichtet und gar „frontal“, mag es sich in Zukunft noch einmal überlegen.

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