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Bayerische Mentalitäten : Auf doppeltem Boden

Ilse Aigner vor bayerischer Landschaft: Ist sie die Frau von morgen? Bild: dpa

Angeblich rückt Bayern heute dem Rest von Deutschland noch ein Stückchen näher. Kann es aber sein, dass sich Bayern zugleich von sich selbst entfernt?

          6 Min.

          Am Donnerstagmorgen, so berichtete am Donnerstagabend das Radio, bestellte sich Ilse Aigner im Restaurant des Bayerischen Landtags ein Glas Prosecco, trank es aus mit Genuss und demonstrierte allen, die ihr zusehen konnten (sowie den Hörern des Deutschlandfunks), dass sie in allerbester Stimmung war.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Dabei hatte sie, die doch so gerne Ministerpräsidentin wäre, am Schluss gar keine Rolle mehr gespielt im Machtkampf zwischen Horst Seehofer und Markus Söder. Alternde Männer hatten ihr vorgeworfen, dass es ihr an Streitlust und Durchsetzungsfähigkeit mangle. Ein politisches Leichtgewicht hatte sich wichtig gemacht mit dem Spruch, Ilse Aigner sei zu leichtgewichtig.

          Und Ilse Aigner trank und lächelte.

          Vielleicht lag es daran, dass es ihr Geburtstag war. Vielleicht lag es aber auch daran, dass Markus Söder, der das Amt des Ministerpräsidenten im nächsten Frühjahr erben soll, die Wahl im nächsten Herbst erst gewinnen muss – worauf sehr viele, die Bayern kennen, keinen Kasten Augustiner wetten würden. Mehr als 35 Prozent trauen sie ihm nicht zu, aus Gründen, von denen hier noch die Rede sein wird. Ilse Aigner wird dann 53 Jahre alt sein – jung genug, um Bayern für die nächsten eineinhalb Jahrzehnte zu regieren.

          Eine Ironie, die sich den geistig Schwerfälligen nicht erschließt

          Moment mal, möchte man da, aus einer quasi außerbayerischen Perspektive rufen: Wovon ist hier eigentlich die Rede? Ein Ministerpräsident, ein Landesminister, eine Landesministerin. Es gibt Bundesländer, deren Ministerpräsidenten jeder, der dort nicht wohnt, erst mal googeln müsste; und der Name des Finanzministers von Niedersachsen wäre außerhalb Niedersachsens (und womöglich sogar innerhalb) die 125000-Euro-Frage. Aber der Kampf des bayerischen Finanzministers um die Beförderung, die Gegenwehr des Ministerpräsidenten und natürlich die Frage, warum die Wirtschaftsministerin, die doch erkennbar freundlicher, charmanter, sympathischer ist, keine Chance hatte: Diese Geschichte (die, wie oben angedeutet, noch längst nicht abgeschlossen ist) hat ganz Deutschland in den vergangenen Wochen beschäftigt – obwohl die wenigsten verstanden haben dürften, worum es eigentlich ging. Oder soll man sagen: Eben deshalb?

          Je stolzer die Leute ihre Dirndln und Haferlschuhe tragen, desto weniger interessieren sie sich für die Idee von Bayern.

          Am heutigen Tag, mit dem Winterfahrplan der Bahn, rückt Bayern zumindest dem nordöstlichen Rest von Deutschland noch ein bisschen näher – und dass es dabei aber fern, fremd und unverständlich bleiben wird, hat sehr viel damit zu tun, dass Bayern, auf den ersten Blick zumindest, so leicht lesbar und verständlich ist. Ein Zwiebelturm, eine Bergsilhouette, weiß-blaue Rauten, viel mehr braucht es nicht, um die starke Marke Bayern kenntlich zu machen, den Brand, wie man heute sagt – und das Produktversprechen, das sich mit diesen Zeichen verknüpft, hat am besten Bruno Kreisky, österreichischer Bundeskanzler von 1970 bis 1983, vor vierzig Jahren auf diesen Werbespruch gebracht: „Ich bin immer gern in Bayern, weil ich da nicht mehr in Österreich, aber noch nicht in Deutschland bin.“

          Vom Norden aus klingt das Versprechen noch schlüssiger: Als ob, wer nach Bayern fährt oder dorthin zieht, all das, was den Deutschen an Deutschland und dem eigenen Deutschsein so unangenehm sei, dort hinter sich lassen könne, ohne gleich ins Ausland auszuwandern. Dass das Licht schon auf den Süden verweise, dass die Landschaft zum Höheren strebe, dass schon das Atmen leichter falle in der klaren Luft der Hochebene, das ist die bayerische Verheißung. Dass es dabei immer auch ums Sinnliche geht, um Genuss, um Freizeit in der schönen Stadt München (die für normale Menschen unbezahlbar ist), an den Seen (deren Ufer überfüllt oder in Privatbesitz sind), in den Bergen (auf deren Pisten es winters so voll ist wie auf der Autobahn in Richtung Brenner), das ist ja allgemein bekannt.

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