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Enoch zu Guttenberg : Ich trete aus dem BUND aus

  • -Aktualisiert am

Mir stockte der Atem, als ich meine Befürchtungen dem Vorsitzenden des Bund Naturschutz in Bayern, Hubert Weiger, mitteilte und von ihm folgende Antwort erhielt: „Nach intensiver interner Diskussion im Bund Naturschutz und im Bundesverband BUND sind wir im Interessenskonflikt Energie - Wald - Artenschutz zu dem Schluss gekommen (. . .), dass es aktuell keine Daten gibt, die in Deutschland eine Gefährdung von Populationen von Tier- oder Pflanzenarten nahelegen oder belegen. Die Mortalitäten im Straßenverkehr sind um den Faktor 1000 bis 10.000 höher.“

Eine der wichtigsten Vogelrouten war höchst gefährdet

Woher dieser Enthusiasmus für die Windkraft, der den BUND in Baden-Württemberg sogar zu einem Internetauftritt mit dem Titel „Argumente für Windenergie“ veranlasste? Woher die Chuzpe, darin auch noch das folgende Unfassbare zu formulieren: „Landschaftsschutz kann dabei nur ein Unter-Argument in der Abwägung sein. Schon immer prägte der Mensch massiv seine Umwelt.“

Ich wollte, ich könnte derlei Stellungnahmen einem Anfall geistiger Verirrung zugutehalten. Aber wurde nicht ausgerechnet die „Naturstrom AG“ als erstes unabhängiges Ökostrom-Handelsunternehmen Deutschlands 1998 vom BUND mitgegründet? Wirbt nicht der BUND selbst für dieses Unternehmen mit dem Argument, „dass man sich als Naturstrom-Kunde ganz automatisch an der Förderung von Neuanlagen beteiligt“. Kurz - ich kann mich des fatalen Eindrucks nicht erwehren: Hier geht es gar nicht um Natur und ihren Schutz. Hier geht es möglicherweise schlicht um Geld.

Und es ging um Geld, als der BUND im Jahr 2003 vor Gericht zog, um gegen den geplanten Windpark in Nordergründe am Wattenmeer zu klagen. Eine der wichtigsten europäischen Vogelrouten war höchst gefährdet. Aber weil es eben um Geld ging, um sehr viel Geld, zog der BUND gegen eine Zahlung von 800.000 Euro des Betreibers seine Klage zurück. Das Geld floss bei Baubeginn an eine Stiftung, die von BUND-Mitgliedern verwaltet wird (wegen geradezu marginaler Beiträge treten heute Bundespräsidenten zurück). Das gleiche Muster, nur mit abenteuerlicheren Beträgen gegen die Emsvertiefung: Klageverzicht des BUND, gütliche Einigung mit dem Betreiber, 9 Millionen Euro an eine Stiftung. So einfach ist das.

Man hat sie schlicht gekauft

Dies jedoch, diesen Verdacht der Käuflichkeit, vermag ich nicht länger mitzutragen. Vor 37 Jahren hatte ich die Auszeichnung und Ehre, den BUND gemeinsam mit so großen Männern wie Bernhard Grzimek, Hubert Weinzierl und Herbert Gruhl zu gründen. Ich war in dieser Gründerzeit Vorstandsmitglied und Sprecher des wissenschaftlichen Beirats. Nun jedoch ging mir das Heimatgefühl in diesem meinem zweiten Vaterhaus verloren. Ich erkläre deshalb schweren Herzens und in großer Trauer hiermit meinen Austritt. Ich will nicht Teil sein und teilhaben an all dem, was nunmehr - und sei es in bester Absicht - an unkündbar scheinenden Prinzipien über Bord geworfen wurde. Ich kann und werde bei aller Sympathie für alternative Energien meine Hände nicht in eine, und sei es auch nur vage, Nähe zu jenem Geldfass recken, das die Grundbelange des Natur- und Denkmalschutzes, so wie wir sie damals dachten, korrumpiert.

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