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Enoch zu Guttenberg : Ich trete aus dem BUND aus

  • -Aktualisiert am

„Bayern, das erste Land mit rotierenden Gipfelkreuzen“

Was wir in Bayern angesichts der laufenden Planfeststellungsverfahren noch als Schreckensszenario diskutieren, ist anderswo längst desaströse Realität. In Niedersachsen zum Beispiel, das derzeit mit mehr als 5500 Anlagen den Rekord unter den deutschen Bundesländern hält. Ein Agenturbericht der regierungsnahen Berliner dapd vermeldet die Verwüstung so: „Beim Ausbau der Windenergie in Deutschland behält Niedersachsen die Spitzenposition inne. Im vergangenen Jahr wurden knapp ein Fünftel aller bundesweit neu installierten Windenergie-Anlageleistungen in Niedersachsen errichtet.“

Kann es das wirklich sein? Dieses Elendsbild eines besetzten, seiner selbst beraubten Landes nunmehr auch in Bayern - wenn auch unter umgekehrter Prämisse? Denn hier sind es nicht die Ebenen, welche die Planer reizen, sondern die Hügel, Berge, Gipfel, Höhenkämme. Der „Bayerische Windatlas“ des Staatsministeriums für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie benennt ausdrücklich „die bewaldeten Anstiege zu den höher gelegenen Regionen Bayerns“, also konkret den Oberpfälzer Wald, die Rhön, die Fränkische Alb, das Fichtelgebirge, den Frankenwald, den Bayerischen Wald sowie das gesamte Alpenvorland einschließlich der Bayerischen Alpen.

Während man in Niedersachsen die Fläche und Weite einer Landschaft hemmungslos verspargelte, geht es in Bayern um die prägenden Sichtachsen, die großen Perspektiven unseres Landschaftsbildes. Die Kabarettistin Luise Kinseher fand dafür eine glänzend böse Formulierung: „Bayern, das erste Land mit rotierenden Gipfelkreuzen.“ Der Witz ist gut genug, um ihn für eine Minute ernst zu nehmen. Denn was sind Gipfelkreuze, wenn nicht Erinnerungszeichen, dass man dort, wo Ebenen und Täler unter einem liegen, wo der Ausblick grenzenlos und frei ist und darüber einzig noch der Himmel; dass man eben dort demütig werden sollte und, vielleicht, dem Herrgott danken für die Wunder, die wir Schöpfung nennen? Stattdessen nun also die Riesentotems eines Kults der unbegrenzten Energie, die Fetische des Wachstumsglaubens, die Verkünder einer Religion des merkantilen Hochmuts?

Ein erschütterndes Resultat

Windkraftanlagen sind nicht nur Geländefresser. Sie erfordern nicht nur die Erschließung, also die Entwaldung ganzer Höhenzüge. Sie sind zudem hocheffiziente Geräte zur Vernichtung von Vögeln und Fledermäusen. Die „Hinweise zur Planung und Genehmigung von Windkraftanlagen“ der Bayerischen Staatsregierung vom 20. Dezember 2011 bnennen als besonders gefährdet unter anderen den Schwarzstorch, den Weißstorch, die Wiesen- und die Rohrweihe, den Schwarz- und den Rotmilan, den Baum- und den Wanderfalken, den Wespenbussard, den Uhu, den Graureiher - all dies ohnehin bedrohte Vogelarten, die vom Sog der Windräder eingezogen und buchstäblich zerhäckselt werden. Den Fledermäusen lässt bereits der Druckunterschied im Umkreis der Rotoren ihre Lungen platzen.

Dazu kommen Arten, welche die Nähe von Windkraftanlagen - vermutlich wegen der Geräuschemissionen und der Bewegung der Rotorblätter - panisch meiden. Die Autoren der bayerischen „Planungshinweise“ nennen diesen Artenverlust durch Abwanderung sehr treffend „Scheuchwirkung“. In ihrem 65-seitigen Text werden die Probleme und Gefahren der Windkraft ungleich sorgsamer diskutiert als in manch geifernder Polemik. Umso erschütternder erscheint das Resultat. Denn der entsprechende Passus in der Pressemitteilung des Bayerischen Staatsministeriums für Umwelt und Gesundheit lautet: „Die für die Zulassung in der Praxis wichtige artenschutzrechtliche Prüfung wird auf den erforderlichen Umfang beschränkt. So reduziert sich der mögliche Prüfungsumfang von bisher 386 auf 26 Vogelarten und von bisher 24 auf 8 Fledermausarten.“

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